Ganz oder geschrotet — der entscheidende Unterschied
Ganze Leinsamen haben eine so feste Schale, dass sie den Verdauungstrakt weitgehend unversehrt
passieren. Sie quellen zwar und erhöhen das Stuhlvolumen, geben aber weder ihr Öl noch ihre
Lignane frei.
Geschrotet ist der Samen aufgeschlossen: Die Schleimstoffe treten aus, die Alpha-Linolensäure wird
verfügbar, die Lignane werden von der Darmflora umgesetzt.
Der Preis dafür ist die Haltbarkeit. Das mehrfach ungesättigte Öl wird binnen weniger Tage
ranzig, weshalb Leinsamen frisch geschrotet werden sollten. Fertig geschrotete Ware in der
Papiertüte ist meist schon über den Punkt.
Die Blausäurefrage
Leinsamen enthält Blausäureglykoside. Beim Kauen, Schroten und Mahlen setzen Enzyme der Samen
daraus Blausäure frei; ganze Samen setzen sie nicht frei. Hitze mindert das Risiko.
Das BfR hält für Erwachsene bis zu 15 bis 20 g geschrotete rohe Leinsamen am Tag für unbedenklich, etwa 2 bis 3 gestrichene Esslöffel; größere Mengen sollten nicht verzehrt werden.
Wegen Cadmium empfiehlt es, täglich nicht mehr als 20 g zu essen. Für Kleinkinder rät es von rohen, geschroteten
Leinsamen ab.
Wie alle Quellstoffe braucht Leinsamen Flüssigkeit. Ohne sie kann er im Darm eindicken und die
Passage behindern statt sie zu fördern — bei bestehenden Engstellen ist das gefährlich.
Je zehn Gramm mindestens 150 Milliliter Wasser, und mindestens eine Stunde Abstand zu
Medikamenten, deren Aufnahme der Schleim sonst verzögert.
Die Lignane
Leinsamen ist die mit Abstand reichste bekannte Quelle für Lignane. Darmbakterien wandeln sie in
Enterolignane um, die schwach östrogenartig wirken.
Für Frauen mit hormonabhängigem Brustkrebs war das lange ein Grund zur Sorge. Die Studienlage
deutet inzwischen eher in die andere Richtung — Beobachtungsstudien fanden bei höherem
Leinsamenkonsum günstigere Verläufe. Belastbar ist das nicht; für Betroffene bleibt es ein Punkt
fürs ärztliche Gespräch.
Der Fettsäurehinweis
Leinöl ist die reichste pflanzliche Quelle für Alpha-Linolensäure. Der Körper wandelt davon
allerdings nur wenige Prozent in EPA und noch weniger in DHA um — als Ersatz für Fisch- oder
Algenöl taugt es nicht.
Was es liefert, ist eine zugelassene Angabe: Alpha-Linolensäure trägt zur Aufrechterhaltung eines
normalen Cholesterinspiegels bei, bei 2 g täglich. Ein Esslöffel Leinöl reicht dafür.