Der Anfang jedes Eiweißes
Jede Eiweißsynthese im Körper beginnt mit Methionin — es ist die Startaminosäure, die der
Ribosom-Apparat als erstes einbaut. Danach wird sie oft wieder abgespalten, aber ohne sie geht es
nicht los.
Die zweite große Aufgabe ist die Methylierung. Über S-Adenosylmethionin gibt Methionin
Methylgruppen ab — an DNA, an Botenstoffe, an Hormone, an Fremdstoffe. Diese Übertragungen
steuern, welche Gene abgelesen werden und wie schnell bestimmte Signalstoffe abgebaut werden. Es
ist einer der zentralen Regelkreise des Stoffwechsels.
Wo das Homocystein herkommt
Nachdem Methionin seine Methylgruppe abgegeben hat, bleibt Homocystein übrig. Der Körper hat zwei
Wege, es zu entsorgen: zurück zu Methionin, wofür er Folat und Vitamin B12 braucht — oder über
Betain als zweiten Weg —, oder weiter zu Cystein, wofür Vitamin B6 nötig ist.
Sind diese Vitamine knapp, staut sich Homocystein auf. Ein erhöhter Homocysteinspiegel ist ein
Risikomarker für Gefäßerkrankungen; ob seine Senkung das Risiko tatsächlich mindert, ist trotz
großer Studien umstritten.
Praktisch heißt das: Wer Methionin hochdosiert zuführt, ohne die B-Vitamine im Blick zu haben,
treibt einen Laborwert in die falsche Richtung. Aus der Ernährung ergibt sich dieses Problem
nicht.
Die Anwendung, die tatsächlich etabliert ist
Methionin wird in der Medizin zur Ansäuerung des Urins eingesetzt — bei wiederkehrenden
Harnwegsinfekten und zur Vorbeugung bestimmter Harnsteine, die nur im alkalischen Milieu
entstehen. Die Dosis wird über den Urin-pH-Wert eingestellt, der mit Teststreifen gemessen wird.
Das ist eine arzneiliche Anwendung mit klarer Kontrolle, kein Fall für eigenmächtige
Nahrungsergänzung.
Der Gegensatz zur Alternsforschung
Interessant ist ein Befund aus der entgegengesetzten Richtung: In Tierversuchen verlängert eine
methioninarme Kost die Lebensspanne — bei Nagern reproduzierbar, mit Effekten auf
Stoffwechselmarker und Insulinempfindlichkeit. Beim Menschen ist daraus keine Empfehlung
abgeleitet worden; die Datenlage besteht aus kurzen Studien mit Zwischenwerten.
Bemerkenswert ist der Gegensatz zur Werbelogik der Aminosäurepräparate: Von einer essenziellen
Aminosäure ist mehr nicht selbstverständlich besser.