Klein, unauffällig, überall
Glycin ist die einfachste aller Aminosäuren — ein Wasserstoffatom als Seitenkette, mehr nicht.
Gerade deshalb passt es dorthin, wo kein Platz für Größeres ist: In der Kollagen-Tripelhelix
sitzt an jeder dritten Position ein Glycin, weil nur es in die enge Windung passt. Ein Drittel
des häufigsten Eiweißes im menschlichen Körper besteht damit aus dieser einen Aminosäure.
Daneben ist Glycin einer der drei Bausteine des Glutathions, Ausgangsstoff für Kreatin und für
den roten Blutfarbstoff, und es bindet Gallensäuren und Fremdstoffe in der Leber, damit sie
ausgeschieden werden können.
Der Punkt, an dem die Eigenbildung knapp wird
Glycin gilt als nicht essenziell, weil der Körper es selbst herstellt. Rechnet man den Bedarf für
Kollagen, Glutathion und die Entgiftung zusammen, liegt er allerdings über dem, was Eigenbildung
und übliche Kost gemeinsam liefern. Mehrere Arbeiten kommen deshalb zu dem Schluss, dass Glycin
eher als bedingt essenziell einzuordnen wäre.
Ein Grund liegt in unseren Essgewohnheiten: Wir essen Muskelfleisch und lassen Haut, Sehnen und
Knorpel weg. Genau dort sitzt das Glycin. Eine Küche, die das ganze Tier verwertet — Brühe,
Sülze, Haxe —, liefert ein Vielfaches.
Die Schlafstudien
Mehrere kleine japanische Untersuchungen gaben 3 g Glycin vor dem Zubettgehen. Die Teilnehmer
schliefen schneller ein, bewerteten ihre Schlafqualität besser und fühlten sich am Folgetag nach
verkürzter Nacht weniger erschöpft. Als Mechanismus wird eine leichte Senkung der
Körperkerntemperatur diskutiert, die den Einschlafvorgang begünstigt.
Die Studien sind klein und stammen überwiegend aus einer Forschungsgruppe. Für ein Präparat, das
wenige Cent je Tag kostet, gut schmeckt und sehr gut verträglich ist, ist das eine vertretbare
Grundlage für einen Selbstversuch — mehr aber auch nicht, und beworben werden darf es ohnehin
nicht.
Wer Kollagen kauft, kauft vor allem Glycin
Das ist die praktische Pointe: Kollagenhydrolysat besteht zu rund einem Drittel aus Glycin, dazu
kommen Prolin und Hydroxyprolin. Wer Kollagenpulver für Haut und Gelenke einnimmt, führt damit
in erster Linie diese drei Aminosäuren zu — zu einem Vielfachen des Preises von reinem Glycin.
Ob die Wirkung darüber hinausgeht, ist beim Kollagen-Eintrag beschrieben. Wer nur die
Bausteine will, kommt günstiger davon.