Der Startschuss und das Baumaterial
Leucin ist tatsächlich ein Signalstoff: Es aktiviert mTOR, den Schalter, der den Muskelaufbau in
Gang setzt. Diese Beobachtung ist der Kern der gesamten BCAA-Vermarktung, und sie ist richtig.
Nur genügt ein Startschuss nicht. Muskeleiweiß besteht aus zwanzig Aminosäuren; die drei
verzweigtkettigen sind drei davon. Wer nur sie zuführt, löst das Signal aus, ohne die übrigen
Bausteine mitzuliefern. Der Körper nimmt sie sich dann aus dem eigenen Bestand — netto bleibt
wenig übrig.
Genau das zeigen die Vergleichsstudien: BCAA allein steigern die Muskelproteinsynthese messbar
schwächer als eine gleich große Menge vollständigen Proteins oder eine EAA-Mischung.
Was die Ablehnung der Claims bedeutet
Die EFSA hat die Anträge zu Muskelaufbau, Regeneration und Ermüdung geprüft und zurückgewiesen.
Damit steht BCAA rechtlich neben L-Carnitin und CLA — geprüft, nicht bestätigt.
Auffällig ist, wie lange sich das Produkt trotzdem hält. Es ist gut verträglich, es schmeckt
inzwischen ordentlich, und die Vorstellung, im Training „den Muskel zu schützen“, ist griffiger
als die Rechnung mit der Gesamteiweißmenge.
Die einfachere Rechnung
Wer 1,6 g Eiweiß je Kilogramm Körpergewicht zu sich nimmt — die Größenordnung, bei der
Kraftsportstudien den Nutzen sehen — nimmt damit automatisch 10 bis 15 g BCAA am Tag auf. Ein
Portionsbeutel liefert 5 g.
Ein Glas Milch, ein Becher Magerquark oder ein Löffel Molkenprotein leisten dasselbe zu
geringeren Kosten und mit vollständigem Aminosäuremuster. Wer nüchtern trainiert und trotzdem
etwas im Magen haben will, greift sinnvoller zu EAA als zu BCAA.
Ein offener Punkt zur Vorsicht
Beobachtungsstudien finden bei Menschen mit Insulinresistenz und Typ-2-Diabetes erhöhte
BCAA-Spiegel im Blut. Ob die BCAA den Stoffwechselzustand mitverursachen oder nur ein Ausdruck
davon sind, ist ungeklärt.
Für gesunde Sportler folgt daraus nichts Praktisches. Es ist aber ein Grund, hohe Dosierungen
über lange Zeiträume nicht für selbstverständlich unbedenklich zu halten — bei einem Präparat,
dessen Nutzen ohnehin nicht belegt ist.