L-Glutamin — zwei Welten, ein Stoff
Glutamin gehört zu den wenigen Nahrungsergänzungsmitteln, die zugleich in der Intensivmedizin
eine Rolle spielen. Die ESPEN-Leitlinie von 2023 sieht den Zusatz nur bei Verbrennungen über
20 Prozent der Körperoberfläche und bei Trauma vor, für andere Intensivpatienten nicht. Man
spricht von einer bedingt essenziellen Aminosäure, weil der Körper in solchen Zuständen mehr
verbraucht, als er bereitstellen kann.
Beim gesunden Menschen ist die Lage eine völlig andere. Der Körper bildet Glutamin selbst,
speichert es im Muskel und hält den Blutspiegel stabil. Aus der klinischen Notwendigkeit lässt
sich deshalb kein Nutzen für den Alltag ableiten — genau diesen Sprung macht die Werbung
trotzdem.
L-Glutamin Wirkung — der Darmbarriere-Gedanke
Die Zellen der Dünndarmschleimhaut decken einen großen Teil ihres Energiebedarfs aus Glutamin.
Daraus ist die Vorstellung entstanden, Glutamin dichte einen „durchlässigen Darm“ ab. In
Zellversuchen und Tiermodellen lässt sich das zeigen, ebenso bei Menschen mit schwerer
Darmschädigung.
Für gesunde Erwachsene mit Verdauungsbeschwerden fehlen belastbare Studien. Der Begriff
„Leaky Gut“ ist zudem keine anerkannte Diagnose, sondern ein Befund, dessen Bedeutung offen ist.
Wer damit wirbt, bewegt sich rechtlich wie fachlich auf unsicherem Boden.
L-Glutamin im Sport — warum es wenig bringt
Glutamin war in den 1990er Jahren das Standardpräparat gegen den Infektanfälligkeitsschub nach
Ausdauerbelastungen. Die kontrollierten Studien fanden weder weniger Infekte noch mehr
Muskelmasse oder bessere Regeneration. Die EFSA hat sämtliche entsprechenden Anträge abgelehnt.
Wer täglich ausreichend Eiweiß isst, nimmt ohnehin mehrere Gramm Glutamin auf — Quark, Fleisch,
Hülsenfrüchte und Weizeneiweiß liefern es reichlich. Der Zusatznutzen einer Kapsel obendrauf ist
schwer zu begründen.
L-Glutamin Nebenwirkungen — Intensivstation und Dauergebrauch
Die deutlichste Warnung stammt aus der Intensivmedizin: In der REDOXS-Studie (New England
Journal of Medicine 2013) mit 1.223 Intensivpatienten mit Multiorganversagen lag die
28-Tage-Sterblichkeit in den Glutamingruppen bei 32,4 Prozent gegenüber 27,2 Prozent. Im
Krankenhaus und nach sechs Monaten war sie ebenfalls signifikant höher. Die ESPEN-Leitlinie von
2023 merkt an, dass die Glutamingruppen bei Aufnahme kränker waren, und empfiehlt den Zusatz
nur bei großflächigen Verbrennungen und Trauma. Bei Leber- oder Nierenversagen rät sie von
parenteralem Glutamin ab.
Für den Dauergebrauch im Alltag nennt eine Übersicht in JPEN (2013) bei etwa 40 g am Tag einen
verschobenen Aminosäurehaushalt mit mehr Glutamat und Ammoniak und eine gestörte Entgiftung;
Langzeitdaten fehlen. Ein Höchstwert ist nicht festgelegt, hohe Dauermengen sind nicht auf
Sicherheit geprüft. Die EFSA hat 2009 den Nutzen für Immunsystem und Darmschleimhaut als nicht
belegt bewertet.