L-Glutamin — zwei Welten, ein Stoff
Glutamin gehört zu den wenigen Nahrungsergänzungsmitteln, die zugleich fester Bestandteil der
Intensivmedizin sind. Bei schweren Verbrennungen, nach großen Operationen oder bei
Kurzdarmsyndrom ist die Zufuhr etabliert, weil der Körper in diesen Zuständen mehr verbraucht,
als er bereitstellen kann. Man spricht dann von einer bedingt essenziellen Aminosäure.
Beim gesunden Menschen ist die Lage eine völlig andere. Der Körper bildet Glutamin selbst,
speichert es im Muskel und hält den Blutspiegel stabil. Aus der klinischen Notwendigkeit lässt
sich deshalb kein Nutzen für den Alltag ableiten — genau diesen Sprung macht die Werbung
trotzdem.
L-Glutamin Wirkung — der Darmbarriere-Gedanke
Die Zellen der Dünndarmschleimhaut decken einen großen Teil ihres Energiebedarfs aus Glutamin.
Daraus ist die Vorstellung entstanden, Glutamin dichte einen „durchlässigen Darm“ ab. In
Zellversuchen und Tiermodellen lässt sich das zeigen, ebenso bei Menschen mit schwerer
Darmschädigung.
Für gesunde Erwachsene mit Verdauungsbeschwerden fehlen belastbare Studien. Der Begriff
„Leaky Gut“ ist zudem keine anerkannte Diagnose, sondern ein Befund, dessen Bedeutung offen ist.
Wer damit wirbt, bewegt sich rechtlich wie fachlich auf unsicherem Boden.
L-Glutamin im Sport — warum es wenig bringt
Glutamin war in den 1990er Jahren das Standardpräparat gegen den Infektanfälligkeitsschub nach
Ausdauerbelastungen. Die kontrollierten Studien fanden weder weniger Infekte noch mehr
Muskelmasse oder bessere Regeneration. Die EFSA hat sämtliche entsprechenden Anträge abgelehnt.
Wer täglich ausreichend Eiweiß isst, nimmt ohnehin mehrere Gramm Glutamin auf — Quark, Fleisch,
Hülsenfrüchte und Weizeneiweiß liefern es reichlich. Der Zusatznutzen einer Kapsel obendrauf ist
schwer zu begründen.