Der einzige Probiotika-Claim, den es gibt
Die Bilanz der Milchsäurebakterien vor der EFSA ist verheerend: Über zweihundert Anträge wurden
gestellt — zu Darmflora, Abwehrkräften, Verdauung, Wohlbefinden, Infektabwehr. Praktisch alle
wurden abgelehnt.
Übrig geblieben ist ein einziger Satz, und er handelt von etwas denkbar Bescheidenem: Lebende
Joghurtkulturen verbessern die Verdauung der Lactose, die im selben Produkt enthalten ist.
Das ist zugleich der Grund, warum in Deutschland niemand mehr „probiotisch” auf ein Lebensmittel
schreiben darf. Der Begriff selbst gilt als gesundheitsbezogene Angabe — und eine zugelassene ist
er nicht.
Warum ausgerechnet dieser Antrag durchkam
Der Mechanismus ist einfach und messbar. Die beiden Joghurtbakterien bringen eigene Laktase mit.
Sie überstehen die Magenpassage teilweise und spalten im Dünndarm den Milchzucker weiter, der
sonst unverdaut in den Dickdarm gelangt und dort Blähungen verursacht.
Der Effekt ließ sich in Atemtests direkt nachweisen: weniger Wasserstoff in der Atemluft, weniger
Beschwerden. Kein Zwischenbefund, keine Hypothese über die Darmflora — ein ablesbares Ergebnis.
Genau daran sind die anderen Anträge gescheitert. Dass ein Stamm die Bifidobakterienzahl erhöht,
ist gut messbar, gilt der Behörde aber nicht als gesundheitlicher Nutzen.
Was das für den Einkauf bedeutet
Zwei Angaben auf dem Becher zählen. Erstens: „mit lebenden Kulturen“ — wärmebehandelter Joghurt
ist länger haltbar und enthält keine lebenden Bakterien mehr. Er muss als wärmebehandelt
gekennzeichnet sein, und für ihn gilt der Claim nicht.
Zweitens die Keimzahl von mindestens 100 Millionen je Gramm. Frischer Naturjoghurt erfüllt sie in
aller Regel; gegen Ende der Haltbarkeit sinkt sie ab.
Teure probiotische Spezialjoghurts bringen für diese Wirkung nichts, was gewöhnlicher
Naturjoghurt nicht auch könnte.
Der praktische Nutzen
Menschen mit Lactoseintoleranz vertragen Joghurt oft deutlich besser als Milch — und das, obwohl
Joghurt kaum weniger Lactose enthält. Der Unterschied sind die Kulturen.
Das ist eine der wenigen Stellen, an denen sich eine Alltagsbeobachtung, ein verstandener
Mechanismus und eine amtlich zugelassene Angabe treffen. In dieser Datenbank ist das seltener,
als man denken würde.