Der Fund, der den Ausschlag gab
Dreimonatskoliken sind für Eltern eine Zerreißprobe und für die Medizin ein weitgehend
verschlossenes Thema. Ein Säugling, der stundenlang schreit, ohne dass sich eine Ursache finden
lässt — dagegen gibt es kaum etwas, das über Tragen und Abwarten hinausgeht.
Vor diesem Hintergrund fielen die Studien zu L. reuteri DSM 17938 auf. Mehrere kontrollierte
Untersuchungen fanden eine deutliche Verkürzung der täglichen Schreizeit, in einzelnen Arbeiten
um mehr als eine Stunde.
Was die genauere Auswertung zeigte
Eine Auswertung, die nicht nur Studienmittelwerte, sondern die Daten der einzelnen Kinder
zusammenführte (Pediatrics 2018, 345 Säuglinge aus vier Studien), brachte einen Unterschied
ans Licht: Bei gestillten Säuglingen war der Effekt deutlich, bei mit Flaschennahrung
ernährten nicht signifikant.
Warum, ist offen. Möglich ist, dass der Stamm die Bestandteile der Muttermilch braucht, um sich
anzusiedeln — L. reuteri gehört zur natürlichen Flora der Muttermilch.
Damit ist die Empfehlung nicht pauschal, sondern an eine Bedingung geknüpft. Das ist ein
seltenes Maß an Genauigkeit für ein frei verkäufliches Präparat.
Reuterin
Der Stamm bildet einen Stoff namens Reuterin, der das Wachstum anderer Bakterien hemmt. Das
erklärt die Untersuchungen im Mundraum, wo eine zweite Variante — ATCC PTA 5289 — als
Lutschtablette gegen Zahnfleischentzündung geprüft wurde, mit kleinen, überwiegend positiven
Studien.
Ob dieselbe Hemmwirkung im Darm eine Rolle spielt, ist nicht geklärt.
Was rechtlich davon übrig bleibt
Für Lutschtabletten mit DSM 17938 und ATCC PTA 5289 hat die EFSA 2020 den Zusammenhang mit
normaler Zahnfleischfunktion als nicht ausreichend belegt bewertet.
Die ehrliche Einordnung
Die Datenlage ist gut genug, um einen Versuch über zwei bis drei Wochen zu rechtfertigen;
die Metaanalyse von 2018 sah den Effekt bei gestillten Kindern.
Sie ist nicht gut genug, um Wirkung zu versprechen.