Die Striemen, die keiner erwartet
Nach dem Verzehr von rohem oder nicht durchgegartem Shiitake kann es zu einer auffälligen
Hautreaktion kommen: rote, peitschenhiebartige Striemen an Rumpf und Armen, stark juckend, oft
erst ein bis zwei Tage später auftretend.
Die Shiitake-Dermatitis ist gut beschrieben und wird auf das Polysaccharid Lentinan
zurückgeführt, das durch Hitze zerstört wird. Sie klingt nach ein bis zwei Wochen von selbst ab.
Weil das Bild ungewöhnlich aussieht und der Zusammenhang mit einer Mahlzeit Tage zurückliegt,
werden Betroffene häufig lange fehlgedeutet. Die Regel dagegen ist einfach: Shiitake immer
vollständig durchgaren — auch in Salaten, Carpaccios und auf Pizza.
Lentinan in der Krebstherapie
Derselbe Stoff hat eine zweite Karriere gemacht. In Japan ist Lentinan seit den 1980er Jahren als
Begleitmedikament in der Krebstherapie zugelassen — allerdings als Injektion, nicht als
Nahrungsergänzung.
Studien dort berichten über eine verbesserte Verträglichkeit von Chemotherapien und in einzelnen
Untersuchungen über längere Überlebenszeiten. Die westliche Onkologie hat diese Ergebnisse nicht
übernommen; die Studienqualität gilt als uneinheitlich.
Für die Einordnung ist der Unterschied entscheidend: Ein gespritztes, gereinigtes Polysaccharid in
definierter Dosis ist etwas anderes als ein Pilzpulver aus dem Regal — dessen Lentinan beim Verdauen
ohnehin zerlegt wird.
Was der Pilz auf dem Teller kann
Shiitake enthält Eritadenin, eine Substanz, die in Tierversuchen den Cholesterinspiegel senkt.
Beim Menschen ist das nur in kleinen Studien untersucht.
Interessanter ist etwas anderes: Wie alle Pilze bildet Shiitake unter UV-Licht Vitamin D2. Frisch
geerntete Pilze eine halbe Stunde in die Sonne zu legen, erhöht ihren Vitamin-D-Gehalt messbar —
einer der wenigen Küchentricks, die tatsächlich einen Nährstoff hinzufügen.
Es gilt, was für Reishi, Hericium und Cordyceps ebenfalls gilt: Die aussagekräftige Angabe ist der
Beta-Glucan-Gehalt, nicht „Polysaccharide”. Und Myzel auf Getreidesubstrat ist überwiegend
Getreide.
Wer den Pilz einfach essen möchte, umgeht die ganze Frage — und bekommt ein hervorragendes
Lebensmittel dazu.