Der Hype und sein Ende
Um 2010 war Açaí das meistbeworbene Superfood der Welt. Die Vermarktung lief über gefälschte
Nachrichtenseiten, erfundene Erfahrungsberichte und Gratisproben, die in versteckte Abonnements
mündeten.
Die amerikanische Handelsaufsicht führte darüber mehrere Verfahren; Werbeaussagen zur
Gewichtsabnahme wurden untersagt und Millionenbeträge zurückgefordert. Der Hype brach danach
zusammen — die Frucht blieb.
Für diese Datenbank ist Açaí deshalb weniger wegen ihrer Inhaltsstoffe interessant als als
Beispiel: Es gibt keine Studienlage, die den damaligen Boom gerechtfertigt hätte. Der Markt
entstand allein aus Werbung.
Was die Frucht wirklich ist
In Nordbrasilien ist Açaí ein Grundnahrungsmittel — als dickes, ungesüßtes Mark, oft herzhaft mit
Fisch und Maniok gegessen, nicht als Dessert.
Ernährungsphysiologisch ist sie ungewöhnlich: Für eine Beere enthält sie viel Fett, überwiegend
einfach ungesättigtes, und entsprechend viele Kalorien. Ihr Anthocyangehalt ist ordentlich, liegt
aber unter dem von Aronia und im Bereich von Heidelbeeren.
Ein Superfood-Vorsprung ergibt sich daraus nicht — heimische dunkle Beeren liefern dasselbe bei
kürzeren Transportwegen.
Der Punkt, den kaum jemand kennt
In Brasilien sind Übertragungen der Chagas-Krankheit über frisch gepressten Açaí-Saft dokumentiert.
Die Raubwanzen, die den Erreger übertragen, gelangen bei der Verarbeitung in die Presse; der
Parasit überlebt im Saft und kann über die Schleimhaut aufgenommen werden.
Für den europäischen Markt ist das ohne Belang: Importierte Ware ist pasteurisiert oder
tiefgefroren. Es ist aber ein Hinweis darauf, dass die romantische Vorstellung vom frisch
gepressten Regenwaldsaft ihre eigenen Fragen hat.
Die Bowl
Açaí-Bowls sind ein angenehmes Frühstück. Zu bedenken ist, dass die Fertigmischungen häufig
erheblich gesüßt sind und die Toppings — Granola, Honig, Sirup — den Zuckergehalt weiter treiben.
Als Frucht ist Açaí unbedenklich und schmackhaft. Als Gesundheitsprodukt hat sie nie gehalten, was
die Werbung versprach.