Die Legende von den Nachtjägern
Die bekannteste Geschichte über Heidelbeeren stammt aus dem Zweiten Weltkrieg: Britische
Nachtjägerpiloten hätten Heidelbeermarmelade gegessen, um besser im Dunkeln zu sehen.
Vermutlich war es eine Falschinformation, mit der die Royal Air Force verschleiern wollte, dass
ihre Erfolge auf dem neu entwickelten Bordradar beruhten. Aus der Tarngeschichte wurde ein
weltweiter Markt für Augenpräparate.
Die Studien dazu sind eindeutig: Systematische Auswertungen placebokontrollierter Untersuchungen
fanden keine Verbesserung der Nachtsicht — weder bei Piloten noch bei gesunden Freiwilligen.
Für andere Augenanwendungen gibt es einzelne kleine Studien mit uneinheitlichen Ergebnissen. Wer
etwas für die Netzhaut tun will, findet in dieser Datenbank unter Lutein die besser untersuchte
Option.
Was tatsächlich anerkannt ist
Getrocknete Heidelbeeren sind eine anerkannte Arzneidroge bei leichtem Durchfall. Der Grund sind
die Gerbstoffe: Sie fällen Eiweiße an der Oberfläche der entzündeten Darmschleimhaut und bilden
eine Schutzschicht, die Reize dämpft und die Flüssigkeitsabgabe vermindert.
Bemerkenswert ist der Unterschied zur frischen Frucht: Frische Heidelbeeren enthalten reichlich
Ballaststoffe und wirken eher abführend. Getrocknet überwiegen die Gerbstoffe, und die Wirkung
kehrt sich um.
Auch als Gurgellösung bei leichten Entzündungen im Mund- und Rachenraum ist die Anwendung
traditionell anerkannt.
Wald oder Kultur — ein sichtbarer Unterschied
Waldheidelbeeren sind durchgehend blau gefärbt und färben Zunge und Finger. Kulturheidelbeeren
haben helles Fruchtfleisch, weil ihre Anthocyane nur in der Schale sitzen.
Der Anthocyangehalt unterscheidet sich entsprechend um ein Mehrfaches. Wer die Beeren wegen ihrer
Inhaltsstoffe isst, greift zur Waldform — wer sie wegen des Geschmacks und der Handhabung isst,
zur Kulturform.
Die Fuchsbandwurm-Frage
Die Warnung, Waldbeeren wegen des Fuchsbandwurms nicht roh zu essen, hält sich hartnäckig. Das
Robert Koch-Institut schätzt das Risiko als sehr gering ein: Die Erkrankung ist in Deutschland
sehr selten, und eine Übertragung über Beeren ist nie belegt worden.
Der Hauptübertragungsweg ist der direkte Kontakt mit Fuchskot, etwa über die Hände. Waschen ist
sinnvoll, Angst vor der Waldheidelbeere nicht.