Der Mechanismus ist elegant — der Nachweis blieb schwierig
Cranberrys enthalten Proanthocyanidine vom A-Typ. Sie hindern Escherichia coli daran, sich mit
ihren Fimbrien an die Schleimhaut der Harnwege zu heften. Was nicht haftet, wird ausgespült.
Das unterscheidet sie von allen anderen Beeren: Heidelbeeren, Trauben und Kakao enthalten
Proanthocyanidine vom B-Typ, denen diese Eigenschaft fehlt. Auch das erklärt, warum die
Cranberry in dieser Frage allein dasteht.
Der Mechanismus ist im Labor gut gezeigt. Die Übertragung auf den Menschen ist die Schwachstelle:
Wie viel PAC nach der Verdauung tatsächlich im Urin ankommt, schwankt erheblich.
Warum der Claim abgelehnt wurde — und Cochrane trotzdem etwas findet
Die EFSA hat die vorgelegten Dossiers als nicht ausreichend bewertet. Der Cochrane-Review von 2023
kommt zu einem differenzierteren Bild: Bei Frauen mit wiederkehrenden Harnwegsinfekten, bei
Kindern und bei Menschen nach urologischen Eingriffen senkten Cranberryprodukte die Zahl der
Infekte moderat. Bei älteren Menschen in Pflegeeinrichtungen und bei Schwangeren zeigte sich
nichts.
Der Widerspruch ist keiner: Die EFSA prüft, ob ein allgemeiner Gesundheitsnutzen für Verbraucher
belegt ist. Cochrane bewertet den Nutzen in klar umrissenen Patientengruppen. Für eine
Werbeaussage auf einer Packung reicht das zweite nicht aus.
Auf die PAC-Menge kommt es an
Die untersuchte Dosierung liegt bei rund 36 mg Proanthocyanidine am Tag, gemessen nach der
DMAC-Methode. Viele Handelsprodukte nennen nur die Extraktmenge in Milligramm, ohne den
PAC-Gehalt — damit ist die entscheidende Zahl unbekannt.
Fertige Cranberry-Nektare scheiden meist aus: geringer Fruchtanteil, viel Zucker und ein
PAC-Gehalt, der die Studienmenge selten erreicht.
Die Warnung für Gerinnungspatienten
Es gibt dokumentierte Fälle, in denen Cranberrysaft den INR-Wert unter Cumarintherapie deutlich
erhöhte, bis hin zu Blutungen. Die zugrunde liegende Hemmung von Abbauenzymen ist plausibel, die
Fallzahl klein — die Arzneimittelbehörden raten dennoch zur Vorsicht.
Wer Phenprocoumon nimmt, sollte Cranberry deshalb nicht in Eigenregie ergänzen.
Was sonst hilft
Bei wiederkehrenden Blasenentzündungen sind ausreichende Trinkmenge, vollständige
Blasenentleerung und — je nach Situation — ärztlich verordnete Maßnahmen wie D-Mannose, lokale
Östrogene nach den Wechseljahren oder eine Impfung die belegteren Wege. Cranberry kann eine
ergänzende Rolle spielen, ersetzt aber weder Diagnostik noch Behandlung.