VI · Pflanzenstoffe
Amygdalin
auch: Vitamin B17 · Laetrile · Bittere Aprikosenkerne · Bittermandeln · Blausäureglykosid
Kein Vitamin, sondern ein Blausäurelieferant — mit dokumentierten Vergiftungen und einer Krebsbehauptung ohne jeden Beleg.
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Was über Amygdalin gesagt werden darf
Für diesen Stoff ist keine gesundheitsbezogene Angabe in der Unionsliste eingetragen. Es darf nicht mit einer gesundheitlichen Wirkung geworben werden.
Amygdalin ist kein Vitamin und trägt keine gesundheitsbezogene Angabe. Die Bezeichnung „Vitamin B17" wurde in den 1970er Jahren zu Vermarktungszwecken erfunden. Aussagen zu Krebs sind nach dem Heilmittelwerbegesetz verboten.
Grundlage: VO (EG) 1924/2006 · Unionsliste nach VO (EU) 432/2012 · Wie das Verfahren funktioniert
Ein Vitamin, das keines ist
„Vitamin B17” gibt es nicht. Die Bezeichnung wurde in den 1970er Jahren von den Vermarktern des Präparats Laetrile eingeführt, um Amygdalin als lebensnotwendigen Nährstoff erscheinen zu lassen.
Ein Vitamin ist ein Stoff, den der Körper braucht und nicht selbst herstellen kann. Amygdalin hat keine Körperfunktion, es gibt keinen Mangelzustand und keinen Bedarf. Der Name ist reines Marketing — und er wirkt bis heute, weil er Harmlosigkeit suggeriert.
Was im Darm passiert
Amygdalin ist ein Blausäureglykosid. Im Darm spalten Enzyme der Nahrung und der Darmflora das Molekül, und dabei wird Blausäure frei — dasselbe Gift, das in der Vergangenheit für Hinrichtungen verwendet wurde.
Der Körper kann kleine Mengen entgiften; ab einer bestimmten Zufuhr ist die Kapazität erschöpft. Blausäure blockiert dann die Atmungskette der Zellen: Der Sauerstoff im Blut ist da, kann aber nicht mehr genutzt werden.
Die Anzeichen sind Kopfschmerz, Übelkeit, Schwindel, Atemnot und Krämpfe. Beschrieben sind Vergiftungen nach wenigen Kernen und Todesfälle bei höherer Aufnahme.
Bemerkenswert: Geschluckt ist Amygdalin giftiger als gespritzt, weil erst die Darmenzyme die Blausäure freisetzen. Das erklärt einen Teil der Vergiftungsfälle unter Selbstbehandlern.
Die Krebsbehauptung
Laetrile wurde und wird als natürliches Krebsmittel vermarktet — mit der Erzählung, Tumorzellen enthielten besonders viel des spaltenden Enzyms und würden dadurch gezielt zerstört.
Diese Hypothese ist geprüft und widerlegt. Ein Cochrane-Review von 2015 fand keine einzige kontrollierte Studie mit Wirksamkeitsnachweis, dafür erhebliche Risiken. Größere amerikanische Untersuchungen der 1980er Jahre zeigten keinerlei Nutzen bei Krebspatienten, wohl aber Cyanidvergiftungen.
Für Menschen mit einer Krebserkrankung ist das doppelt gefährlich: Sie riskieren eine Vergiftung und verlieren Zeit, in der eine wirksame Behandlung möglich wäre.
Die praktische Grenze
Das BfR hält für Erwachsene ein bis zwei bittere Aprikosenkerne am Tag für vertretbar. Für Kinder gibt es keine unbedenkliche Menge.
Süße Aprikosenkerne und süße Mandeln sind davon nicht betroffen — sie enthalten nur Spuren und schmecken deshalb nicht bitter. Der Geschmack ist das zuverlässigste Unterscheidungsmerkmal: Was deutlich bitter ist, gehört nicht in Mengen gegessen.
Und der Hinweis für den Alltag: Auch Kirsch-, Pflaumen- und Pfirsichkerne enthalten Blausäureglykoside. Verschluckt passieren sie den Darm unversehrt — zerbissen werden sollten sie nicht.
Amygdalin — welche Form ist die beste?
Welche Form auf der Packung steht, entscheidet oft mehr über die Wirkung als die Zahl davor.
| Form | Aufnahme | Anmerkung |
|---|---|---|
| Bittere Aprikosenkerne | hoch | Die verbreitetste Quelle. Der Amygdalingehalt schwankt erheblich, weshalb sich die aufgenommene Blausäuremenge nicht abschätzen lässt. |
| Bittermandeln | hoch | In der Küche nur in winzigen Mengen als Aroma verwendet. Rohe Bittermandeln sind für Kinder in kleiner Zahl gefährlich. |
| Laetrile (Amygdalin-Präparate) | hoch | In den USA und Mexiko als Krebsmittel vermarktet, in der EU nicht zugelassen. Injektionslösungen und Tabletten aus dem Versandhandel. |
| Süße Aprikosen- und Mandelkerne | hoch | Enthalten nur Spuren Amygdalin und sind als Lebensmittel unbedenklich. Sie schmecken nicht bitter — genau das ist das Unterscheidungsmerkmal. |
Amygdalin Wechselwirkungen
Vitamin C in hoher Dosis
verstärktHochdosiertes Vitamin C erhöht die Umwandlung von Amygdalin zu Blausäure und senkt zugleich die körpereigenen Entgiftungsreserven. Fälle schwerer Vergiftungen bei dieser Kombination sind dokumentiert.
Beta-Glucosidase-haltige Lebensmittel
verstärktRohes Gemüse wie Sellerie, Karotten und Bohnensprossen enthält das Enzym, das Amygdalin spaltet.
Darmflora
verstärktAuch Darmbakterien spalten Amygdalin — deshalb wirkt die orale Aufnahme giftiger als die intravenöse.
Wer auf Amygdalin besonders achten sollte
- Für niemanden besteht ein Nutzen
- Besonders gefährdet sind Kinder — für sie gibt es keine unbedenkliche Menge
- Menschen mit Krebserkrankungen, denen es als Alternative angeboten wird
Mangel an Amygdalin — Symptome und Anzeichen
- Kein Mangelzustand — Amygdalin ist kein Nährstoff und hat keine Körperfunktion
Diese Zeichen sind unspezifisch und können viele andere Ursachen haben. Sie ersetzen keine Diagnose.
Amygdalin in Lebensmitteln — woher es über die Nahrung kommt
Häufige Fragen zu Amygdalin
01Wann sollte man Amygdalin einnehmen?
Keine Anwendungsempfehlung. Auf nüchternen Magen, mit Abstand zu den Mahlzeiten. Besonders gefährlich ist die Kombination mit Lebensmitteln, die Beta-Glucosidase liefern — etwa Sellerie oder Karotten —, weil sie die Blausäurefreisetzung beschleunigen. Bei Vergiftungsverdacht sofort den Giftnotruf verständigen.
02Wie viel Amygdalin am Tag?
In Nahrungsergänzungsmitteln üblich sind Es gibt keine sichere Anwendungsdosis.
03Wie viel Amygdalin ist zu viel?
Die empfohlene Höchstmenge für Nahrungsergänzungsmittel liegt bei Höchstens ein bis zwei bittere Aprikosenkerne am Tag für Erwachsene; für Kinder keine. Bundesinstitut für Risikobewertung; EU-Höchstgehalte für Blausäure nach Verordnung (EU) 2017/1237. Schon wenige Kerne können bei Erwachsenen zu Vergiftungserscheinungen führen, bei Kindern deutlich weniger. Beschrieben sind Übelkeit, Kopfschmerz, Atemnot, Krampfanfälle und Todesfälle.
04Welche Wechselwirkungen hat Amygdalin?
Zu beachten sind Vitamin C in hoher Dosis, Beta-Glucosidase-haltige Lebensmittel und Darmflora. Vitamin C in hoher Dosis: Hochdosiertes Vitamin C erhöht die Umwandlung von Amygdalin zu Blausäure und senkt zugleich die körpereigenen Entgiftungsreserven. Fälle schwerer Vergiftungen bei dieser Kombination sind dokumentiert. Beta-Glucosidase-haltige Lebensmittel: Rohes Gemüse wie Sellerie, Karotten und Bohnensprossen enthält das Enzym, das Amygdalin spaltet. Darmflora: Auch Darmbakterien spalten Amygdalin — deshalb wirkt die orale Aufnahme giftiger als die intravenöse.
05Für wen ist Amygdalin nicht geeignet?
Besondere Vorsicht gilt für: Für niemanden besteht ein Nutzen; Besonders gefährdet sind Kinder — für sie gibt es keine unbedenkliche Menge; Menschen mit Krebserkrankungen, denen es als Alternative angeboten wird. Wer regelmäßig Medikamente nimmt, sollte die Einnahme ärztlich abklären.
06Woran erkennt man einen Amygdalin-Mangel?
Mögliche Anzeichen sind Kein Mangelzustand — Amygdalin ist kein Nährstoff und hat keine Körperfunktion. Keines davon ist für sich beweisend — Sicherheit gibt erst die Messung im Blut.
07In welchen Lebensmitteln steckt Amygdalin?
Gute Quellen sind Bittere Aprikosenkerne (bis 5 Prozent Amygdalin), Bittermandeln (3–5 Prozent) und Kerne von Kirschen, Pflaumen und Pfirsichen (enthalten ebenfalls Blausäureglykoside — die Kerne nicht zerbeißen).
08Welche Form von Amygdalin ist am besten?
Gut aufgenommen werden Bittere Aprikosenkerne, Bittermandeln, Laetrile (Amygdalin-Präparate) und Süße Aprikosen- und Mandelkerne. Zu Bittere Aprikosenkerne: Die verbreitetste Quelle. Der Amygdalingehalt schwankt erheblich, weshalb sich die aufgenommene Blausäuremenge nicht abschätzen lässt.
09Womit darf für Amygdalin geworben werden?
Nichts. Amygdalin ist kein Vitamin und trägt keine gesundheitsbezogene Angabe. Die Bezeichnung „Vitamin B17" wurde in den 1970er Jahren zu Vermarktungszwecken erfunden. Aussagen zu Krebs sind nach dem Heilmittelwerbegesetz verboten.
Belege
- 01 Laetrile treatment for cancer · Cochrane Database of Systematic Reviews · 2015
- 02 Gesundheitliche Bewertung von bitteren Aprikosenkernen · Bundesinstitut für Risikobewertung
- 03 Verordnung (EU) 2017/1237 über Höchstgehalte für Blausäure · Europäische Kommission
Siehe auch
Andere Pflanzenstoffe
Wirkstoffbereiche
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Vitamine
Organische Verbindungen, die der Körper nicht oder nicht ausreichend selbst herstellt.
Mineralstoffe
Anorganische Nährstoffe, die der Körper in Mengen über 50 mg am Tag braucht.
Spurenelemente
Mineralstoffe, von denen der Körper täglich weniger als 50 mg benötigt.
Fettsäuren
Bausteine der Nahrungsfette, darunter die essenziellen Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren.
Aminosäuren
Bausteine der Eiweiße, teils essenziell, teils vom Körper selbst herstellbar.
Pflanzenstoffe
Extrakte und Einzelstoffe aus Pflanzen. Für sie ist die Claim-Bewertung bis heute ausgesetzt.
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Darmflora
Probiotische Kulturen und Ballaststoffe, die auf die Darmbesiedlung wirken.
Weitere Stoffe
Körpereigene Verbindungen und Strukturstoffe, die keiner der übrigen Gruppen zufallen.