Zwei Pflanzenteile, zwei Anwendungen
Beim Holunder trennen sich Tradition und moderne Vermarktung sauber auf. Die Blüten sind die
klassische europäische Erkältungsdroge — als heißer Aufguss zur Linderung erster Erkältungssymptome,
und in dieser Anwendung vom HMPC als traditionelles Arzneimittel anerkannt.
Die Beeren dagegen sind der Rohstoff des internationalen Elderberry-Markts, der mit
Grippestudien wirbt.
Was die Beerenstudien zeigen
Ein systematischer Review von 2021 fasst fünf randomisierte Studien mit standardisiertem
Holunderbeerenextrakt bei Erkältungen und Grippe zusammen, insgesamt 944 Teilnehmer. Die
Beschwerden waren im Mittel etwa zwei bis drei Tage kürzer — die Autoren stufen die
Vertrauenswürdigkeit dieses Ergebnisses aber als sehr niedrig ein.
Die Studien sind klein, mehrere stammen aus dem Umfeld der Hersteller, und eine große
unabhängige Bestätigung fehlt. Als Wirkmechanismus wird diskutiert, dass Anthocyane die Anlagerung
von Viren an die Zelle behindern — gezeigt ist das in Zellversuchen.
Für einen Pflanzenstoff ist das eine ordentliche, keine überzeugende Datenlage. Eine zugelassene
gesundheitsbezogene Angabe gibt es für Holunder nicht.
Warum rohe Beeren nicht auf den Teller gehören
Holunderbeeren enthalten Sambunigrin, ein cyanogenes Glykosid, das im Körper Blausäure freisetzen
kann. Reife Beeren enthalten davon nur Spuren; unreife grüne Beeren und vor allem die Stiele
deutlich mehr. Dokumentiert ist ein Vergiftungsfall nach rohem Saft, der aus Beeren samt Blättern
und Zweigen gepresst war: Übelkeit, Erbrechen, Bauchkrämpfe und Schwäche.
Erhitzen senkt den Gehalt deutlich, baut das Glykosid aber nicht vollständig ab. Wer selbst
verarbeitet, sollte die Beeren also aufkochen — und die grünen, unreifen Dolden und die Stiele
aussortieren, die besonders viel davon enthalten.
Die Verwechslung, auf die es ankommt
Neben dem Schwarzen Holunder wächst in Europa der Zwergholunder, eine krautige Art. Die Beeren
sehen ähnlich aus.
Das sicherste Unterscheidungsmerkmal: Beim Schwarzen Holunder hängen die reifen Fruchtdolden nach
unten, beim Zwergholunder stehen sie aufrecht. Und der Schwarze Holunder ist ein Strauch mit
verholzten Zweigen, der Zwergholunder eine Staude.