Zwei Pflanzenteile, zwei Anwendungen
Beim Holunder trennen sich Tradition und moderne Vermarktung sauber auf. Die Blüten sind die
klassische europäische Erkältungsdroge — als heißer Aufguss zur Anregung der Schweißbildung, und
in dieser Anwendung vom HMPC als traditionelles Arzneimittel anerkannt.
Die Beeren dagegen sind der Rohstoff des internationalen Elderberry-Markts, der mit
Grippestudien wirbt.
Was die Beerenstudien zeigen
Es gibt mehrere kleine randomisierte Studien mit standardisiertem Holunderbeerenextrakt bei
Erkältungen und grippalen Infekten. Sie fanden eine Verkürzung der Beschwerden um ein bis zwei
Tage, teils mit deutlicher Symptomlinderung.
Die Studien sind klein, mehrere stammen aus dem Umfeld der Hersteller, und eine große
unabhängige Bestätigung fehlt. Als Wirkmechanismus wird diskutiert, dass Anthocyane die Anlagerung
von Viren an die Zelle behindern — gezeigt ist das in Zellversuchen.
Für einen Pflanzenstoff ist das eine ordentliche, keine überzeugende Datenlage. Und beworben
werden darf sie ohnehin nicht: Grippe ist eine Krankheit.
Warum rohe Beeren nicht auf den Teller gehören
Holunderbeeren enthalten Sambunigrin, ein cyanogenes Glykosid, das im Körper Blausäure freisetzen
kann. In roher Form führen schon kleinere Mengen zu Übelkeit, Erbrechen und Durchfall — Fälle nach
dem Trinken von rohem Holunderbeersaft sind dokumentiert.
Erhitzen zerstört das Glykosid zuverlässig. Gekochter Sirup, Gelee, Suppe und pasteurisierter Saft
sind unbedenklich. Wer selbst verarbeitet, sollte die Beeren also immer aufkochen — und die
grünen, unreifen Dolden aussortieren, die besonders viel davon enthalten.
Die Verwechslung, auf die es ankommt
Neben dem Schwarzen Holunder wächst in Europa der Zwergholunder, eine krautige Art mit deutlich
höherem Giftgehalt. Die Beeren sehen ähnlich aus.
Das sicherste Unterscheidungsmerkmal: Beim Schwarzen Holunder hängen die reifen Fruchtdolden nach
unten, beim Zwergholunder stehen sie aufrecht. Und der Schwarze Holunder ist ein Strauch mit
verholzten Zweigen, der Zwergholunder eine Staude.