Der Wirkstoff entsteht erst im Darm
Granatapfel enthält Punicalagine, große Polyphenolmoleküle, die kaum aufgenommen werden. Was im
Blut ankommt, ist etwas anderes: Darmbakterien bauen sie zu Urolithinen um, allen voran Urolithin
A.
Diesem Molekül gilt das aktuelle Forschungsinteresse. Es fördert in Zellversuchen die Mitophagie —
den Abbau beschädigter Mitochondrien —, was in der Alternsforschung als vielversprechend gilt.
Der Haken: Nicht jeder kann Urolithin A bilden. Je nach Zusammensetzung der Darmflora gelingt es
etwa vierzig Prozent der Menschen gut, einem weiteren Teil kaum und einer Gruppe gar nicht.
Es ist dasselbe Muster wie bei den Isoflavonen und dem Equol — die Wirkung eines Lebensmittels
hängt davon ab, welche Bakterien im Darm sitzen. Das erklärt einen Teil der widersprüchlichen
Studienergebnisse.
Was am Menschen untersucht ist
Für den Blutdruck finden Metaanalysen eine leichte Senkung bei täglichem Konsum von
Granatapfelsaft. Die Größenordnung entspricht dem, was andere polyphenolreiche Lebensmittel
leisten.
Für die Prostata sorgten frühe kleine Studien für Aufsehen, in denen der PSA-Anstieg nach
Behandlung langsamer verlief. Größere, kontrollierte Untersuchungen konnten das nicht bestätigen.
Zugelassene Angaben gibt es für keine dieser Wirkungen. Für Urolithin A als isolierte Zutat
besteht eine Novel-Food-Zulassung — was die Verkehrsfähigkeit regelt, nicht die Wirksamkeit.
Die Grapefruit-Verwandtschaft
Granatapfelsaft hemmt wie Grapefruitsaft das Enzym CYP3A4 in Darmwand und Leber, wenn auch
schwächer. Für Statine und einzelne weitere Wirkstoffe sind dadurch erhöhte Blutspiegel
beschrieben.
Wer täglich ein großes Glas trinkt und dauerhaft Medikamente einnimmt, sollte das ansprechen. Für
gelegentlichen Genuss gilt das nicht.
Wo die Polyphenole sitzen
Nicht in den saftigen Samenmänteln, die man isst, sondern in der Schale und den weißen
Trennwänden. Deshalb enthält gepresster Saft aus der ganzen Frucht mehr davon als die Kerne
allein.
Das ist einer der wenigen Fälle, in denen der Saft dem ganzen Obst überlegen ist — mit dem
üblichen Vorbehalt: Er liefert auch den Fruchtzucker ohne den Ballaststoff.