Resveratrol — das französische Paradoxon und was daraus wurde
In den 1990er Jahren fiel auf, dass in Frankreich trotz fettreicher Ernährung vergleichsweise
wenige Herzinfarkte auftraten. Der Rotwein galt als Erklärung, und Resveratrol als der Stoff
darin, der es richtet. Der Rest ist Marktgeschichte.
Die Rechnung dahinter hält allerdings nicht. Ein Liter Rotwein enthält ein bis drei Milligramm
Resveratrol. Um die in Studien verwendeten Mengen zu erreichen, müsste man hundert Liter und mehr
trinken — womit der Alkohol jeden denkbaren Nutzen um ein Vielfaches überwiegt. Auch das
Paradoxon selbst gilt heute als weitgehend erklärt, unter anderem durch unterschiedliche
Erfassung von Todesursachen.
Resveratrol Wirkung — die Sirtuin-Hypothese
Der wissenschaftliche Schub kam 2003 aus Harvard: Resveratrol aktiviere SIRT1, ein Enzym, das mit
Kalorienrestriktion und Lebensverlängerung in Verbindung gebracht wird. Hefen, Würmer und Fliegen
lebten unter Resveratrol länger.
Später zeigte sich, dass die Aktivierung im Testsystem auf einem Artefakt beruhte — der
verwendete Fluoreszenzmarker verfälschte das Ergebnis. Ob Resveratrol Sirtuine im lebenden
Organismus überhaupt direkt aktiviert, ist bis heute umstritten. Bei Mäusen mit normaler
Ernährung ließ sich keine Lebensverlängerung nachweisen.
Resveratrol Bioverfügbarkeit — das eigentliche Problem
Resveratrol wird gut aufgenommen und fast ebenso schnell wieder unschädlich gemacht. Darmwand und
Leber koppeln es binnen Minuten an Glucuronsäure und Sulfat; die Halbwertszeit der freien Substanz
liegt bei wenigen Minuten. Im Blut messbar sind fast ausschließlich diese Konjugate.
Ob sie eine eigene Wirkung haben oder nur Abfall auf dem Weg nach draußen sind, ist offen. Für die
Beurteilung aller Zellkulturstudien ist das entscheidend — dort wird freies Resveratrol in
Konzentrationen eingesetzt, die im Menschen nie erreicht werden.
Resveratrol Studien — was am Menschen untersucht ist
Studien zu Blutzucker, Blutdruck, Entzündungsmarkern und Gefäßfunktion liegen vor, mit
uneinheitlichen Ergebnissen und meist kleinen Teilnehmerzahlen. Die EFSA hat die vorgelegten
Belege für nicht ausreichend befunden.
Bemerkenswert ist die abgebrochene Studie an Patienten mit multiplem Myelom: Unter 5 g täglich
traten Nierenschäden auf. Das ist eine Erinnerung daran, dass ein pflanzlicher Stoff in hoher
Dosis ein pharmakologischer Eingriff bleibt — auch wenn er aus dem Weinberg kommt.
Resveratrol kaufen — für die Entscheidung
Wenn überhaupt, dann trans-Resveratrol innerhalb der zugelassenen 150 mg am Tag und von einem
Anbieter, der die Isomerenform ausweist. Wer stattdessen auf Traubenkerne, Beeren, grünen Tee und
buntes Gemüse setzt, bekommt ein breites Polyphenolmuster in Mengen, die der Körper gewohnt ist —
und muss sich um Novel-Food-Grenzen keine Gedanken machen.