Der Name, der irreführt
Sibirischer Ginseng ist ein Handelsname, kein botanischer. Die Taigawurzel gehört zwar zur selben
Pflanzenfamilie wie der echte Ginseng, ist aber eine andere Gattung mit anderen Inhaltsstoffen.
Der echte Ginseng enthält Ginsenoside, die Taigawurzel Eleutheroside — chemisch nicht verwandte
Stoffgruppen. Wer das eine kauft und das andere meint, bekommt kein schwächeres Präparat, sondern
ein anderes.
In den USA ist die Bezeichnung Siberian Ginseng deshalb seit 2002 gesetzlich untersagt. In Europa
hält sie sich hartnäckig.
Warum sie in dieser Datenbank besser dasteht als der echte Ginseng
Die Taigawurzel hat eine Monographie des europäischen Ausschusses für pflanzliche Arzneimittel als
traditionelles Arzneimittel bei Erschöpfungs- und Schwächegefühl.
Traditionell heißt hier: Die Wirksamkeit ist nicht durch Studien belegt, sondern durch mindestens
dreißig Jahre Anwendungserfahrung plausibel. Das ist eine schwächere Aussage als bei einem
Arzneimittel mit Wirksamkeitsnachweis — aber immer noch mehr, als ein Nahrungsergänzungsmittel je
sagen darf.
Damit steht dieselbe Wurzel je nach Verpackung in zwei Rechtswelten: Als registriertes
Arzneimittel darf sie ihre Anwendung nennen, als Kapsel im Drogeriemarkt nicht.
Die sowjetische Vorgeschichte
Der Begriff Adaptogen stammt aus der sowjetischen Forschung der fünfziger Jahre, und
Eleutherococcus war ihr Hauptgegenstand. Untersucht wurde an Soldaten, Bergarbeitern, Sportlern
und Kosmonauten — mit dem Ziel, Leistungsfähigkeit unter Belastung zu erhalten.
Diese Arbeiten umfassen Tausende Teilnehmer, sind aber methodisch nach heutigem Maßstab nicht
verwertbar: selten verblindet, oft ohne Kontrollgruppe, überwiegend nur auf Russisch
veröffentlicht.
Sie erklären, warum die Pflanze im Osten Europas einen Ruf hat, den westliche Auswertungen nicht
bestätigen.
Was neuere Studien zeigen
Die kontrollierten Untersuchungen sind klein und uneinheitlich. Zu Ausdauerleistung, Konzentration
und Infektanfälligkeit gibt es einzelne positive und einzelne negative Ergebnisse.
Ein Übersichtsartikel kam zu dem Schluss, dass die Wirksamkeit weder belegt noch widerlegt ist —
was für ein Traditionsarzneimittel der Normalfall ist.
Die Digoxin-Frage
Ein Fallbericht aus den neunziger Jahren beschreibt einen Patienten mit unerklärlich hohen
Digoxinspiegeln, der Taigawurzel einnahm. Nach dem Absetzen normalisierten sie sich.
Später kam der Verdacht auf, es könnte sich um eine Verwechslungsdroge gehandelt haben — ein bei
importierten Wurzeln nicht seltener Fall. Geklärt wurde das nie, und der Hinweis steht seither in
jeder Fachinformation.
Er ist ein guter Anlass, auf die Qualität der Droge zu achten: Bei einer Wurzel, die man weder
sieht noch schmeckt, entscheidet allein die Prüfung des Herstellers, was tatsächlich in der
Kapsel ist.