Die Gattung, die zur Ernährung passt
Im Darm eines gestillten Säuglings machen Bifidobakterien bis zu neunzig Prozent aller Bakterien
aus. Beim Erwachsenen sind es wenige Prozent, im hohen Alter oft weniger als ein Prozent.
Dieser Verlauf ist eine der klarsten Beobachtungen der Mikrobiomforschung. Er hängt eng mit der
Ernährung zusammen: Bifidobakterien leben von Zuckerketten, die der Mensch selbst nicht verdaut —
in der Säuglingszeit von den Muttermilch-Oligosacchariden, später von Ballaststoffen.
Die Unterart, die verschwunden ist
Bifidobacterium longum subsp. infantis ist auf die Muttermilch spezialisiert. Sie besitzt eine
ganze Werkzeugkiste an Enzymen, mit denen sie die Oligosaccharide vollständig zerlegt — kein
anderes Darmbakterium kann das ebenso gut.
Untersuchungen fanden diese Unterart bei Säuglingen in Bangladesch und Malawi regelmäßig, bei
Säuglingen in den USA und Europa dagegen selten. Als Gründe werden Kaiserschnitt,
Antibiotikagebrauch und Flaschennahrung diskutiert.
Ob das für die betroffenen Kinder Folgen hat, ist Gegenstand laufender Forschung. Belegt ist es
nicht.
Was untersucht ist
Am ehesten trägt die Studienlage bei chronischer Verstopfung — mehrere Auswertungen finden eine
etwas kürzere Darmpassage und etwas häufigeren Stuhlgang. Der Effekt ist real, aber klein.
Beim Reizdarm gibt es Studien mit einzelnen Stämmen, die Blähungen und Bauchschmerzen
verringerten. Wie stets gilt die Stammfrage: Ein Produkt, das nur Bifidobacterium longum nennt,
ist nicht das, was untersucht wurde.
Die Arbeiten zur Darm-Hirn-Achse — Stressbelastung, Stimmung — stehen am Anfang. Sie sind
interessant und noch weit von einer Empfehlung entfernt.
Der Joghurt und das Werberecht
Der Bifidus-Joghurt war jahrelang das Aushängeschild der Probiotikawerbung, mit Fantasienamen wie
Bifidus regularis und Zeichentrickdarstellungen der Verdauung.
Rechtlich ist davon nichts übrig. Alle Anträge auf gesundheitsbezogene Angaben wurden abgelehnt;
in Deutschland gilt schon das Wort Probiotikum als unzulässige Wirkaussage. Die Werbung
beschränkt sich seither auf Wohlgefühl und Bilder.
Als Lebensmittel bleibt der Joghurt gut. Als Beleg für irgendetwas taugt er nicht — die
Stammbezeichnung fehlt, und die Keimzahl am Ende der Haltbarkeit steht nirgends.
Der Weg, der nichts kostet
Bifidobakterien wachsen, wenn sie Futter bekommen. Inulin aus Chicorée, Topinambur und Zwiebeln,
resistente Stärke aus abgekühlten Kartoffeln und Reis, Vollkorn und Hülsenfrüchte erhöhen ihren
Anteil zuverlässig.
Das ist besser belegt als jede Kapsel — und der Grund, warum Präbiotika in der Fachliteratur oft
mehr Aufmerksamkeit bekommen als Probiotika.