Der MCT-Irrtum
Das wichtigste Verkaufsargument für Kokosöl lautet, es bestehe aus mittelkettigen Fettsäuren, die
schnell in Energie umgesetzt und nicht als Fett gespeichert würden.
Der Haken steckt in der Definition. Chemisch gelten Fettsäuren mit sechs bis zwölf
Kohlenstoffatomen als mittelkettig, und Kokosöl besteht zu rund fünfundvierzig Prozent aus
Laurinsäure mit zwölf.
Im Stoffwechsel verhält sich Laurinsäure aber weitgehend wie ein langkettiges Fett: Sie wird zu
einem großen Teil in Chylomikronen verpackt und nimmt den Umweg über die Lymphe, statt direkt zur
Leber zu gelangen.
Echte MCT im Sinne der schnellen Verstoffwechselung — C8 und C10 — machen in Kokosöl nur etwa
fünfzehn Prozent aus. Wer die MCT-Wirkung sucht, braucht fraktioniertes MCT-Öl.
Eine große Auswertung kontrollierter Studien fand, dass Kokosöl das LDL-Cholesterin deutlich
stärker erhöht als ungesättigte Pflanzenöle — und in ähnlicher Größenordnung wie andere gesättigte
Fette.
Zugleich steigt das HDL-Cholesterin. Ob das die LDL-Erhöhung ausgleicht, ist der Kern der
Diskussion; die Fachgesellschaften verneinen es und raten zur Zurückhaltung.
Für die Verwendung heißt das: Kokosöl gehört zu den gesättigten Fetten und sollte wie diese
sparsam eingesetzt werden — nicht als tägliches Hauptfett.
Was von den übrigen Versprechen bleibt
Zur Gewichtsabnahme gibt es keine überzeugenden Daten; die Kalorien sind dieselben wie bei jedem
anderen Fett. Zur Wirkung bei Alzheimer kursieren Erzählungen auf Grundlage der Ketonbildung —
untersucht ist das mit MCT-Öl, nicht mit Kokosöl, und auch dort ohne belastbares Ergebnis.
Für die antimikrobielle Wirkung der Laurinsäure gibt es Laborbefunde. Dass sie sich nach der
Verdauung im Körper entfaltet, ist nicht gezeigt.
Eine Anwendung ist gut belegt: Kokosöl auf der Haut. Als Pflegeöl bei trockener Haut schneidet es
in Studien ordentlich ab — mit dem Vorbehalt, dass es Poren verstopfen kann.
Die vernünftige Einordnung
Kokosöl ist hitzestabil, schmeckt gut in bestimmten Küchen und hält sich lange. Als Bratfett und
für asiatische Gerichte ist es eine legitime Wahl.
Was es nicht ist: ein Gesundheitsprodukt. Wer ein Öl für den täglichen Gebrauch sucht, findet in
Raps- und Olivenöl die Varianten mit belegtem Nutzen — Olivenöl trägt sogar als einziges eine
zugelassene Angabe.