Ein Mengenelement ohne Referenzwert
Der Körper eines Erwachsenen enthält rund 140 g Schwefel — mehr als Magnesium, mehr als Eisen,
Zink und Kupfer zusammen. Nach der Menge gehört er eindeutig zu den Mengenelementen.
Trotzdem steht Schwefel in keiner Nährwerttabelle und in keiner Referenzwertliste. Der Grund:
Der Mensch nimmt ihn nicht als Mineralstoff auf, sondern gebunden in den Aminosäuren Methionin
und Cystein. Wer den Eiweißbedarf deckt, deckt den Schwefelbedarf zwangsläufig mit. Ein eigener
Wert wäre ohne praktischen Nutzen.
Wofür der Körper ihn braucht
Drei Aufgaben stechen heraus. In Keratin — dem Baustoff von Haar und Nägeln — verknüpfen
Schwefelbrücken die Eiweißketten miteinander; sie geben dem Haar seine Festigkeit. Beim
Dauerwellen werden genau diese Brücken chemisch geöffnet und neu geschlossen.
Zweitens steckt Schwefel im Glutathion, dem wichtigsten körpereigenen Schutzstoff gegen
oxidativen Stress. Drittens hängt die Sulfatierung in der Leber davon ab, mit der viele
Arzneistoffe und körpereigene Substanzen wasserlöslich gemacht und ausgeschieden werden.
Auch die Knorpelsubstanz gehört dazu: Chondroitinsulfat und andere Glykosaminoglykane tragen
Sulfatgruppen. Genau daran knüpft die Werbung für Schwefelpräparate bei Gelenkbeschwerden an.
Was das für Schwefelpräparate bedeutet
Wer „organischen Schwefel“ kauft, kauft in aller Regel MSM. Die Frage, ob eine zusätzliche
Zufuhr etwas bringt, ist damit keine Frage nach dem Element, sondern nach diesem Präparat —
und dort ausführlich behandelt.
Die nüchterne Einordnung: Eine Portion Eier, Fisch oder Hülsenfrüchte liefert mehr Schwefel als
die übliche Tagesdosis eines Präparats. Ein Mangel, den man beheben könnte, ist bei
ausreichender Eiweißzufuhr nicht zu erwarten.
Der schwefelreiche Umweg über Gemüse
Zwiebeln, Knoblauch, Lauch, Kohl, Rettich und Senf tragen ihre Schwefelverbindungen offen zur
Schau — sie sind für Geruch und Schärfe verantwortlich. Diese Verbindungen dienen weniger der
Schwefelversorgung als der eigenen Wirkung: Allicin, Sulforaphan und ihre Verwandten stehen
in der Forschung zu Entzündung und Zellschutz.
Für die Schwefelbilanz zählt trotzdem der Eiweißanteil der Kost. Die Zwiebel ist Beiwerk,
das Ei ist die Quelle.