Blatt oder Wurzel — der Unterschied entscheidet alles
Auf vielen Packungen steht nur „Brennnessel“. Für die Wirkung ist das zu wenig. Blatt und Wurzel
enthalten unterschiedliche Stoffe und werden für unterschiedliche Zwecke verwendet.
Das Blatt trägt Flavonoide, Kalium und Kieselsäure und ist die traditionelle Teedroge zur
Durchspülung der Harnwege. Die Wurzel enthält Sterole, Lignane und Lektine und wird bei
gutartiger Prostatavergrößerung untersucht. Wer wegen der Prostata zum Blättertee greift,
verwendet den falschen Pflanzenteil.
Was „Durchspülung“ tatsächlich bedeutet
Der Begriff klingt nach Reinigung, meint aber schlicht: mehr trinken, mehr Wasser lassen. Der
Effekt entsteht überwiegend durch die zugeführte Flüssigkeit; die Pflanze steuert eine leichte
harntreibende Komponente bei.
Als Werbeaussage für ein Lebensmittel ist das dennoch nicht zulässig, weil eine arzneiliche
Wirkung beschrieben wird. In der Apotheke steht dieselbe Droge als traditionelles pflanzliches
Arzneimittel — dort mit erlaubtem Anwendungsgebiet.
Wichtig ist die Gegenanzeige: Wer wegen Herz- oder Nierenschwäche wenig trinken soll, für den ist
eine Durchspülung nicht harmlos, sondern gefährlich.
Die Studienlage in einem Satz
Für die Wurzel bei Prostatabeschwerden gibt es einige Untersuchungen, meist in Kombination mit
Sägepalme, mit kleinen Vorteilen bei den Beschwerdescores. Für Blattextrakte bei
Gelenkbeschwerden liegen wenige Arbeiten vor, in denen die begleitende Dosis
entzündungshemmender Medikamente gesenkt werden konnte. Beides reicht für eine Empfehlung nicht
aus, spricht bei guter Verträglichkeit aber auch nicht dagegen.
Als Lebensmittel unterschätzt
Junge Brennnesselblätter sind ein sehr nährstoffreiches Wildgemüse — mit mehr Calcium als
Grünkohl und beachtlichem Eisengehalt, der sich mit etwas Vitamin C gut erschließen lässt.
Kurz blanchiert verlieren sie die Brennhaare. Diese Verwendung braucht keinen Health Claim.