Was in den grünen Tropfen ist
Auf Videoplattformen wurde grünes Wasser zeitweise zum Massenphänomen: ein paar Tropfen
Chlorophyll ins Glas, dazu Versprechen zu reiner Haut, Entgiftung und Energie.
Was in diesen Fläschchen steckt, ist in aller Regel kein Chlorophyll, sondern Chlorophyllin —
genauer Natrium-Kupfer-Chlorophyllin.
Der Unterschied ist chemisch grundlegend. Im echten Blattgrün sitzt ein Magnesiumatom im Zentrum
des Moleküls. Für die Herstellung wird es entfernt und durch Kupfer ersetzt, weil die
Kupferverbindung wasserlöslich und stabil ist, während das natürliche Molekül zerfällt.
Das Ergebnis ist ein zugelassener Lebensmittelfarbstoff mit der Nummer E 141 — geschaffen, um
Lebensmittel grün zu färben, nicht um sie anzureichern.
Die Erzählung vom flüssigen Sonnenlicht
Ein beliebtes Argument lautet, Chlorophyll ähnele dem roten Blutfarbstoff und unterstütze deshalb
die Blutbildung oder die Sauerstoffversorgung.
Die strukturelle Ähnlichkeit besteht tatsächlich — beide Moleküle haben einen Porphyrinring, in
dessen Mitte ein Metall sitzt. Beim Blut ist es Eisen, beim Blattgrün Magnesium, beim
Handelsprodukt Kupfer.
Daraus folgt jedoch nichts. Der Körper baut Häm aus Glycin und Succinyl-CoA auf, nicht aus
aufgenommenen Porphyrinen, und Chlorophyll wird im Verdauungstrakt zerlegt wie jedes andere
Molekül.
Die Photosynthese findet in Pflanzen statt, nicht im Dünndarm.
Was tatsächlich untersucht wurde
Es gibt zwei ernstzunehmende Forschungslinien, beide älter als der Trend.
Chlorophyllin wurde in den fünfziger Jahren gegen Körper- und Stuhlgeruch bei Menschen mit
künstlichem Darmausgang eingesetzt, mit uneinheitlichen Ergebnissen. In manchen Ländern ist es
dafür bis heute in Verkehr.
Und es bindet im Reagenzglas Aflatoxine — Schimmelpilzgifte. In einer chinesischen Studie in einer
Region mit hoher Aflatoxinbelastung sanken unter Chlorophyllin bestimmte Marker im Urin. Das ist
ein interessanter Befund für Regionen mit belasteten Lebensmitteln und keine Grundlage für die
Anwendung hierzulande.
Zu Akne, Entgiftung oder Energie liegt nichts Belastbares vor.
Der Effekt, der sicher eintritt
Chlorophyllin färbt den Stuhl grün. Bei manchen Menschen auch den Urin.
Das ist harmlos und wird gelegentlich für ein Zeichen der Entgiftung gehalten. Es ist schlicht
Farbstoff, der den Körper wieder verlässt.
Die Einordnung
Wer Chlorophyll aufnehmen möchte, isst grünes Gemüse. Ein Teller Spinat liefert mehr davon als
jede Tropfenflasche — und zusätzlich Folat, Vitamin K, Nitrat, Ballaststoffe und Magnesium,
also alles, wofür man grünes Gemüse tatsächlich isst.