Inositol — ein Stoff, der seinen Vitaminstatus verloren hat
Inositol wurde früher als Vitamin B8 geführt. Diese Einordnung ist überholt: Der Körper stellt es
aus Glucose selbst her, in der Niere täglich mehrere Gramm. Ein Mangel im klassischen Sinn ist
beim Menschen nicht definiert.
Trotzdem gehört Inositol zu den Stoffen mit der interessantesten Studienlage in dieser Datenbank —
allerdings in einem eng umgrenzten Feld.
Inositol Wirkung — wozu der Körper es braucht
Inositol ist Bestandteil der Zellmembran und Ausgangsstoff für Botenstoffe der Signalübertragung.
Insbesondere die Insulinwirkung läuft zu einem Teil über Inositolphosphoglykane — hier setzt das
gesamte Interesse an.
Bei Insulinresistenz ist der Inositolstoffwechsel messbar verändert: Die Umwandlung von Myo- in
D-Chiro-Inositol läuft im Eierstock anders ab als in Muskel und Leber. Das ist die
wissenschaftliche Grundlage für die Anwendung beim polyzystischen Ovarialsyndrom.
Was die Studien zu Inositol zeigen
Beim PCOS liegen zahlreiche randomisierte Studien vor. Sie fanden über drei bis sechs Monate eine
häufigere Ovulation, regelmäßigere Zyklen und eine verbesserte Insulinempfindlichkeit.
Ein Cochrane-Review (Showell et al., 2018; 13 Studien mit 1.472 Frauen) fand keine hochwertige
Evidenz für die Anwendung bei Kinderwunsch. Für eine Empfehlung reicht das nicht — für eine
Option, die ärztlich besprochen werden kann, durchaus.
Für die Vorbeugung des Schwangerschaftsdiabetes gibt es ebenfalls Studien mit günstigen
Hinweisen.
Inositol Nebenwirkungen — was in Studien berichtet wurde
Die Übersichtsarbeit „Inositol safety: clinical evidences“ (Carlomagno und Unfer, European Review
for Medical and Pharmacological Sciences, 2011) wertet die klinische Sicherheit aus. Nur die
höchste getestete Dosis, 12 g Myo-Inositol am Tag, verursachte leichte Magen-Darm-Beschwerden:
Übelkeit, Blähungen und Durchfall. Der Schweregrad stieg mit der Dosis nicht weiter an.
Zu Lithium oder zur Schwangerschaft sagen weder diese Arbeit noch der Cochrane-Review etwas.
Wer Lithium nimmt oder Inositol wegen Kinderwunsch erwägt, klärt die Einnahme deshalb ärztlich ab,
statt sich auf ein „gut verträglich“ zu verlassen.
Myo- und D-Chiro-Inositol — das Verhältnis 40 zu 1
Eine Besonderheit dieses Stoffs: Nicht nur die Menge zählt, sondern das Verhältnis. Im gesunden
Eierstockgewebe liegen Myo- und D-Chiro-Inositol etwa im Verhältnis 100 zu 1 vor, im Blut 40 zu 1.
Studien mit hochdosiertem D-Chiro-Inositol allein fanden eine schlechtere Eizellqualität — zu viel
der einen Form auf Kosten der anderen wirkt offenbar ungünstig. Die neueren Präparate bilden
deshalb das Verhältnis 40 zu 1 nach.
Wer ein Produkt auswählt, sollte darauf achten. Ein reines D-Chiro-Präparat ist nach heutigem
Stand nicht die bessere, sondern die schlechtere Wahl.
Inositol einnehmen — was vorher geklärt sein sollte
Zyklusstörungen und unerfüllter Kinderwunsch gehören gynäkologisch abgeklärt — PCOS ist eine
Diagnose mit Kriterien, keine Selbsteinschätzung. Wer sie hat, kann Inositol mit der behandelnden
Praxis besprechen.
Beworben werden darf davon nichts. Für Inositol ist keine Angabe zugelassen, und PCOS ist eine
Krankheit.