Warum dasselbe Präparat bei zwei Frauen verschieden wirkt
Isoflavone entfalten ihre stärkste östrogenartige Wirkung nicht selbst, sondern über ein
Abbauprodukt: Equol, das erst von bestimmten Darmbakterien aus Daidzein gebildet wird.
Diese Bakterien hat nicht jeder. In asiatischen Bevölkerungen sind rund fünfzig Prozent der
Menschen Equol-Bildner, in Europa etwa zwanzig bis dreißig. Wer nicht dazugehört, bildet kein
Equol — und dürfte von einem Isoflavonpräparat entsprechend wenig haben.
Das ist die plausibelste Erklärung dafür, warum die Studien so uneinheitlich ausfallen: Sie
mischen zwei Gruppen, die biologisch verschieden reagieren, und mitteln über beide hinweg.
Was die Bewertungen sagen
Die EFSA hat 2012 die Wirkung von Sojaisoflavonen auf Knochendichte und Hitzewallungen in den
Wechseljahren als nicht ausreichend belegt bewertet. Cochrane findet für Isoflavone bei Hitzewallungen bestenfalls schwache Effekte.
Bei der Sicherheit fand die EFSA 2015: Bei Frauen nach den Wechseljahren zeigte sich bis 30
Monate Einnahme von 150 mg Sojaisoflavonen keine Wirkung auf Dicke und Gewebe der
Gebärmutterschleimhaut. Nach 60 Monaten wurden einige nicht bösartige Gewebeveränderungen
berichtet. Einen einheitlichen gesundheitsbasierten Richtwert konnte die EFSA nicht ableiten. Das BfR rät von der langfristigen Einnahme isolierter
Isoflavone ab.
Sojalebensmittel sind etwas anderes als Isoflavonkapseln
Der wichtigste Unterschied in dieser ganzen Debatte. Beobachtungsstudien aus Asien, die einen
Zusammenhang zwischen Sojakonsum und niedrigerem Brustkrebsrisiko zeigen, betreffen
Sojalebensmittel — über Jahrzehnte gegessen, im Verbund mit Eiweiß und Ballaststoffen, oft
fermentiert und ab der Kindheit.
Ein Extrakt mit 80 mg Isoflavonen, ab dem fünfzigsten Lebensjahr in Kapselform, bildet das nicht
ab. Aus dem einen lässt sich für das andere nichts ableiten, weder im Guten noch im Schlechten.
Wer Soja als Lebensmittel isst, muss sich um die Frage kaum Gedanken machen. Wer isolierte
Präparate nimmt, bewegt sich in einem Bereich, den die Beobachtungsstudien nicht abdecken.
Für die Entscheidung
Bei belastenden Wechseljahresbeschwerden lohnt ein ärztliches Gespräch über die Hormontherapie,
deren Nutzen-Risiko-Bewertung sich in den letzten Jahren verändert hat. Isoflavone sind eine
Option für leichtere Beschwerden — mit der Einschränkung, dass ein Teil der Anwenderinnen aus
biologischen Gründen nichts davon spüren wird.