Kein Phytoöstrogen — anders als fast überall behauptet
Die Traubensilberkerze wird gern in einem Atemzug mit Soja-Isoflavonen und Rotklee genannt, als
pflanzliche Hormonalternative. Das ist sachlich falsch. Die frühere Annahme, sie enthalte
östrogen wirksame Substanzen, hat sich nicht bestätigt: In Untersuchungen bindet der Extrakt nicht
an Östrogenrezeptoren und verändert weder Gebärmutterschleimhaut noch hormonabhängiges Gewebe.
Wie sie wirkt, ist nicht abschließend geklärt. Diskutiert werden Effekte auf Serotonin- und
Dopaminrezeptoren sowie auf die zentrale Temperaturregulation — was zu den Beschwerden passt, um
die es geht.
Praktisch ist das eine gute Nachricht: Der häufigste Grund, eine Hormontherapie zu meiden, ist die
Sorge vor hormonellen Wirkungen. Die Traubensilberkerze bringt diese Wirkung offenbar nicht mit.
Was die Studien hergeben
Die Datenlage ist gemischt. Ein Cochrane-Review von 2012 fand keinen sicheren Vorteil gegenüber
Placebo, wobei die eingeschlossenen Studien verschiedene Extrakte und Dosierungen verwendeten.
Die Leberwarnung
Die europäische Arzneimittelbehörde hat 2006 in einer öffentlichen Stellungnahme zu schweren
Leberreaktionen („EMEA Public statement on herbal medicinal products containing cimicifugae
racemosae rhizoma - Serious hepatic reactions“) Stellung genommen.
Ein ursächlicher Zusammenhang ist in den meisten Fällen nicht bewiesen, und gemessen an der
enormen Verbreitung sind die Meldungen selten. Diskutiert werden Verwechslungen mit anderen
Actaea-Arten aus Asien und Verunreinigungen. Die Behörde hat sich dennoch für den Warnhinweis
entschieden — bei einem Mittel gegen Beschwerden, die keine Krankheit sind, gilt ein strenger
Maßstab.
Für die Anwendung heißt das: Zeichen wie Gelbfärbung der Haut, dunkler Urin, heller Stuhl oder
ungewöhnliche Müdigkeit sind ein Grund, sofort abzusetzen und ärztlichen Rat einzuholen.
Für die Entscheidung
Wer die Traubensilberkerze versuchen möchte, greift sinnvollerweise zu einem zugelassenen
Arzneimittel mit dem untersuchten Extrakt, begrenzt die Anwendung auf sechs Monate und bespricht
sie, wenn Lebererkrankungen oder eine Krebsvorgeschichte bestehen.
Und die Alternativen gehören ins Bild: Für ausgeprägte Beschwerden ist die Hormontherapie die
wirksamste Option, deren Nutzen-Risiko-Abwägung sich in den letzten Jahren deutlich verändert
hat. Diese Abwägung gehört in ein ärztliches Gespräch, nicht ins Regal.