VI · Pflanzenstoffe
Johanniskraut
auch: Hypericum perforatum · Tüpfelhartheu · Hypericin · Hyperforin · St. John's Wort
Der Pflanzenstoff mit den meisten Arzneimittelwechselwirkungen überhaupt.
Studienlage
Was über Johanniskraut gesagt werden darf
Die Angaben zu diesem Stoff sind weder zugelassen noch abgelehnt — das Verfahren ist nicht abgeschlossen. Werbeaussagen dazu sind rechtlich angreifbar.
Für Johanniskraut ist keine gesundheitsbezogene Angabe zugelassen. Zugleich sind Johanniskrautextrakte als Arzneimittel bei leichten bis mittelschweren depressiven Episoden zugelassen.
Grundlage: VO (EG) 1924/2006 · Unionsliste nach VO (EU) 432/2012 · Wie das Verfahren funktioniert
Johanniskraut Wirkung — was die Cochrane-Analyse zeigt
Bei Johanniskraut kippt die übliche Kritik an Pflanzenpräparaten ins Gegenteil. Der Vorwurf lautet sonst, es passiere zu wenig. Hier passiert genug.
Cochrane-Analysen kommen für leichte bis mittelschwere depressive Episoden zu einer Wirksamkeit auf dem Niveau von Standardantidepressiva, bei besserer Verträglichkeit. Das ist für einen Pflanzenextrakt eine ungewöhnlich gute Datenlage — und der Grund, warum die Sache ernst genommen werden muss.
Johanniskraut Wechselwirkungen — der Mechanismus dahinter
Hyperforin aktiviert den Kernrezeptor PXR und regt darüber die Bildung des Enzyms CYP3A4 und des Transporters P-Glykoprotein an. Beide bauen Fremdstoffe ab und schleusen sie aus dem Körper. Über die Hälfte aller gängigen Arzneistoffe läuft über CYP3A4.
Die Folge: Johanniskraut senkt die Wirkspiegel dieser Medikamente. Bei der Antibabypille bedeutet das Zwischenblutungen und Verhütungsversagen, bei Gerinnungshemmern ein erhöhtes Thromboserisiko, bei Immunsuppressiva die Abstoßung eines Transplantats.
Johanniskraut kaufen — was das für den Einkauf bedeutet
Für Johanniskraut ist keine gesundheitsbezogene Angabe zugelassen; ein Präparat, das mit „innerer Ausgeglichenheit“ oder „guter Stimmung“ wirbt, ist deshalb kein guter Kauf.
Wer die Wirkung sucht, sollte den Weg über ein zugelassenes Arzneimittel und ein ärztliches Gespräch gehen — schon deshalb, weil dabei die Medikamentenliste durchgegangen wird. Und wer eine anhaltend gedrückte Stimmung verspürt, gehört ohnehin in fachliche Beurteilung und nicht in die Selbstmedikation.
Johanniskraut Nebenwirkungen — die Sonne nicht vergessen
Hypericin macht die Haut lichtempfindlicher. Bei hellhäutigen Menschen kann es unter hoher Dosierung zu sonnenbrandartigen Reaktionen kommen. Solarien und ausgedehnte Sonnenbäder sind während der Einnahme keine gute Idee.
Johanniskraut — welche Form ist die beste?
Welche Form auf der Packung steht, entscheidet oft mehr über die Wirkung als die Zahl davor.
| Form | Aufnahme | Anmerkung |
|---|---|---|
| Standardisierter Trockenextrakt (Arzneimittel) | hoch | Auf Hypericin oder Hyperforin standardisiert, meist 300 mg je Tablette bei dreimaliger Gabe. Nur diese Zubereitungen sind in Studien geprüft worden. |
| Hyperforinarme Extrakte | hoch | Auf niedrigen Hyperforingehalt eingestellt, um die Wechselwirkungen zu verringern. Ob die Wirksamkeit dabei erhalten bleibt, ist umstritten. |
| Johanniskrauttee | niedrig | Enthält nur wenig Hyperforin, weil es schlecht wasserlöslich und instabil ist. Entsprechend schwach — und dennoch nicht frei von Wechselwirkungen. |
| Johanniskrautöl (Rotöl) | niedrig | Zur äußeren Anwendung bei kleinen Wunden und Muskelbeschwerden. Erhöht die Lichtempfindlichkeit der behandelten Haut. |
Johanniskraut einnehmen — wann ist der beste Zeitpunkt?
Empfohlener Zeitpunkt: Über den Tag verteilt, zu den Mahlzeiten. Am besten zusammen mit einer Mahlzeit.
Die Wirkung setzt frühestens nach zwei bis vier Wochen ein. Ebenso wichtig ist das Ende: Nach dem Absetzen normalisiert sich der beschleunigte Arzneimittelabbau erst nach ein bis zwei Wochen — in dieser Zeit können Medikamentenspiegel unerwartet ansteigen.
Johanniskraut Wechselwirkungen
Orale Verhütungsmittel
hemmtDer beschleunigte Abbau kann die Verhütungswirkung aufheben. Zwischenblutungen und ungewollte Schwangerschaften sind dokumentiert — die klinisch bedeutsamste Wechselwirkung überhaupt.
Gerinnungshemmer (Phenprocoumon, DOAK)
hemmtDie Wirkstoffspiegel sinken deutlich, das Thromboserisiko steigt. Beim Absetzen kehrt sich der Effekt um und es drohen Blutungen.
Immunsuppressiva (Ciclosporin, Tacrolimus)
hemmtAbstoßungsreaktionen nach Organtransplantation sind beschrieben. Strikte Gegenanzeige.
Antidepressiva (SSRI, Triptane)
verstärktGemeinsam kann ein Serotoninsyndrom entstehen — mit Unruhe, Zittern, Fieber und Verwirrtheit.
HIV- und Krebsmedikamente
hemmtWirkspiegel können unter die therapeutische Schwelle fallen. Auch hier gilt eine Gegenanzeige.
Wer auf Johanniskraut besonders achten sollte
- Menschen, die irgendein verschreibungspflichtiges Medikament einnehmen — die Liste der betroffenen Wirkstoffe ist lang
- Menschen mit heller Haut, wegen der erhöhten Lichtempfindlichkeit
- Schwangere und Stillende
- Menschen mit bipolarer Störung, bei denen eine manische Phase ausgelöst werden kann
Häufige Fragen zu Johanniskraut
01Wann sollte man Johanniskraut einnehmen?
Über den Tag verteilt, zu den Mahlzeiten. Die Wirkung setzt frühestens nach zwei bis vier Wochen ein. Ebenso wichtig ist das Ende: Nach dem Absetzen normalisiert sich der beschleunigte Arzneimittelabbau erst nach ein bis zwei Wochen — in dieser Zeit können Medikamentenspiegel unerwartet ansteigen.
02Welche Wechselwirkungen hat Johanniskraut?
Zu beachten sind Orale Verhütungsmittel; Gerinnungshemmer (Phenprocoumon, DOAK); Immunsuppressiva (Ciclosporin, Tacrolimus); Antidepressiva (SSRI, Triptane); HIV- und Krebsmedikamente. Orale Verhütungsmittel: Der beschleunigte Abbau kann die Verhütungswirkung aufheben. Zwischenblutungen und ungewollte Schwangerschaften sind dokumentiert — die klinisch bedeutsamste Wechselwirkung überhaupt. Gerinnungshemmer (Phenprocoumon, DOAK): Die Wirkstoffspiegel sinken deutlich, das Thromboserisiko steigt. Beim Absetzen kehrt sich der Effekt um und es drohen Blutungen. Immunsuppressiva (Ciclosporin, Tacrolimus): Abstoßungsreaktionen nach Organtransplantation sind beschrieben. Strikte Gegenanzeige.
03Für wen ist Johanniskraut nicht geeignet?
Besondere Vorsicht gilt für: Menschen, die irgendein verschreibungspflichtiges Medikament einnehmen — die Liste der betroffenen Wirkstoffe ist lang; Menschen mit heller Haut, wegen der erhöhten Lichtempfindlichkeit; Schwangere und Stillende; Menschen mit bipolarer Störung, bei denen eine manische Phase ausgelöst werden kann. Wer regelmäßig Medikamente nimmt, sollte die Einnahme ärztlich abklären.
04Welche Form von Johanniskraut ist am besten?
Gut aufgenommen werden Standardisierter Trockenextrakt (Arzneimittel) und Hyperforinarme Extrakte. Schlechter verfügbar sind Johanniskrauttee und Johanniskrautöl (Rotöl). Zu Standardisierter Trockenextrakt (Arzneimittel): Auf Hypericin oder Hyperforin standardisiert, meist 300 mg je Tablette bei dreimaliger Gabe. Nur diese Zubereitungen sind in Studien geprüft worden.
05Womit darf für Johanniskraut geworben werden?
Nichts. Für Johanniskraut ist keine gesundheitsbezogene Angabe zugelassen. Zugleich sind Johanniskrautextrakte als Arzneimittel bei leichten bis mittelschweren depressiven Episoden zugelassen.
Belege
- 01 Community herbal monograph on Hypericum perforatum L., herba (well-established medicinal use) · HMPC, Europäische Arzneimittel-Agentur · 2009
- 02 St John's wort for major depression · Cochrane Database of Systematic Reviews · 2008
Siehe auch
Andere Pflanzenstoffe
Wirkstoffbereiche
Die Datenbank weiterlesen
Vitamine
Organische Verbindungen, die der Körper nicht oder nicht ausreichend selbst herstellt.
Mineralstoffe
Anorganische Nährstoffe, die der Körper in Mengen über 50 mg am Tag braucht.
Spurenelemente
Mineralstoffe, von denen der Körper täglich weniger als 50 mg benötigt.
Fettsäuren
Bausteine der Nahrungsfette, darunter die essenziellen Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren.
Aminosäuren
Bausteine der Eiweiße, teils essenziell, teils vom Körper selbst herstellbar.
Pflanzenstoffe
Extrakte und Einzelstoffe aus Pflanzen. Für sie ist die Claim-Bewertung bis heute ausgesetzt.
Du bist hier
Darmflora
Probiotische Kulturen und Ballaststoffe, die auf die Darmbesiedlung wirken.
Weitere Stoffe
Körpereigene Verbindungen und Strukturstoffe, die keiner der übrigen Gruppen zufallen.