Die schwächste Stelle im Getreideeiweiß
Der Wert eines Nahrungseiweißes bemisst sich an der Aminosäure, die am knappsten vorliegt — der
limitierenden Aminosäure. Bei Getreide ist das Lysin. Ein Brot liefert reichlich Eiweiß, aber zu
wenig Lysin, um daraus vollständig Körpereiweiß aufzubauen.
Hülsenfrüchte haben das umgekehrte Muster: viel Lysin, wenig Methionin. Deshalb ergänzen sich
Getreide und Hülsenfrüchte so gut — Brot mit Hummus, Reis mit Linsen, Mais mit Bohnen. Diese
Kombinationen sind in allen Küchen der Welt unabhängig voneinander entstanden, lange bevor
jemand von Aminosäuremustern wusste.
In Deutschland ist ein Lysinmangel deshalb kein Thema. Wer Hülsenfrüchte, Milchprodukte, Fisch
oder Fleisch isst, ist versorgt.
Die Herpes-Frage
Das Herpes-simplex-Virus braucht Arginin, um seine Hüllproteine zu bauen. Lysin konkurriert mit
Arginin um Transport und Aufnahme. Daraus entstand die Idee, mit Lysin die Vermehrung zu bremsen
und die Zahl der Ausbrüche zu senken.
Die Studien dazu sind alt, klein und uneinheitlich. Einige fanden bei 1 bis 3 g täglich weniger
und kürzere Ausbrüche, andere keinen Unterschied zu Placebo. Systematische Auswertungen kommen
zu dem Schluss, dass die Datenlage für eine Empfehlung nicht reicht.
Rechtlich ist die Sache eindeutig: Herpes ist eine Krankheit, und Lebensmittel dürfen mit
Krankheiten nicht werben. Wer es dennoch versuchen will, tut das mit einem gut verträglichen und
günstigen Stoff — und sollte bei häufigen oder schweren Ausbrüchen ärztlichen Rat einholen, weil
es dafür wirksame Medikamente gibt.
Was Lysin sonst tut
Zwei Funktionen sind gut belegt. Erstens die Kollagenbildung: Lysin wird im Kollagenmolekül zu
Hydroxylysin umgebaut, ein Schritt, der Vitamin C braucht. Diese Querverbindungen geben dem
Bindegewebe seine Zugfestigkeit.
Zweitens ist Lysin zusammen mit Methionin der Ausgangsstoff für Carnitin, den Transporter der
Fettsäuren in die Mitochondrien. Wer sich rein pflanzlich ernährt und kaum Carnitin aufnimmt,
baut es aus diesen beiden Aminosäuren selbst.