Erst reizen, dann stilllegen
Capsaicin bindet an TRPV1 — den Rezeptor, mit dem Nervenfasern Hitze und Gewebeschädigung melden.
Deshalb brennt Chili im Mund: Das Gehirn bekommt eine Hitzemeldung, obwohl nichts heiß ist.
Bei wiederholter Anwendung auf der Haut passiert etwas anderes. Die Schmerzfasern schütten ihren
Botenstoff Substanz P aus, bis er verbraucht ist; die Faser wird vorübergehend funktionsunfähig.
Fachlich heißt das Defunktionalisierung.
Daraus folgt die wichtigste Anwendungsregel: Die Wirkung kommt nicht sofort, sondern nach mehreren
Tagen regelmäßiger Anwendung. Wer nach dem ersten Brennen aufgibt, erlebt nur den Preis, nicht den
Nutzen.
Das Pflaster, das einmal geklebt wird
Am eindrucksvollsten ist die hochdosierte Variante: ein Pflaster mit acht Prozent Capsaicin, das
unter ärztlicher Aufsicht für dreißig bis sechzig Minuten aufgeklebt wird — oft nach örtlicher
Betäubung, weil die Anwendung schmerzhaft ist.
Danach kann die Wirkung über Wochen bis Monate anhalten. Ein Cochrane-Review sieht bei
neuropathischen Schmerzen wie der postherpetischen Neuralgie und der diabetischen Neuropathie
einen Nutzen.
Das ist ein Arzneimittel, kein Regalprodukt — aber es zeigt, was der Stoff kann.
Die Anwendungsfehler
Drei kommen regelmäßig vor und sind alle schmerzhaft.
Erstens: nach dem Auftragen die Augen reiben. Capsaicin ist fettlöslich und lässt sich mit Wasser
schlecht abwaschen — Seife und Öl helfen besser als bloßes Spülen.
Zweitens: Wärme auf die behandelte Stelle. Wärmflasche, heiße Dusche oder Sauna verstärken das
Brennen erheblich, weil derselbe Rezeptor auch auf Hitze reagiert.
Drittens: auf gereizte oder verletzte Haut auftragen. Dort ist die Reaktion um ein Vielfaches
stärker.
Und die Chili im Essen?
Für die innere Anwendung als Schmerzmittel gibt es keine Grundlage. Diskutiert werden andere
Effekte — ein leicht erhöhter Energieverbrauch, eine Wirkung auf die Magenschleimhaut —, beides
ohne belastbare Belege.
Was gut belegt ist: Die Schärfetoleranz steigt mit der Gewohnheit, weil die Rezeptoren
unempfindlicher werden. Es ist derselbe Mechanismus wie auf der Haut, nur im Mund.