Ginkgo — derselbe Baum, zwei Rechtswelten
Ginkgo zeigt die Zweiteilung des deutschen Marktes so klar wie kein anderer Stoff. In der
Apotheke steht ein Arzneimittel mit dem Spezialextrakt EGb 761, zugelassen zur Behandlung von
Gedächtnisstörungen bei leichter Demenz — mit Wirksamkeitsnachweis, Beipackzettel und
Nebenwirkungsliste. Im Regal daneben steht eine Kapsel mit Ginkgoblattpulver, die überhaupt
nichts behaupten darf.
Der Unterschied liegt nicht am Baum, sondern an Extraktqualität, Dosierung und Zulassungsweg.
Wer die Wirkung sucht, die aus den Studien bekannt ist, muss das Arzneimittel nehmen — die
Nahrungsergänzung bildet weder die Menge noch die Standardisierung ab.
Ginkgo Wirkung — was die Studien hergeben
Für den Spezialextrakt bei leichter bis mittlerer Demenz zeigen mehrere Studien bescheidene, aber
messbare Vorteile bei kognitiven Testwerten und Alltagsfähigkeiten, vor allem bei Dosierungen um
240 mg über mindestens 22 Wochen. Ein Cochrane-Review bewertete die Gesamtlage als
uneinheitlich.
Für die Vorbeugung von Demenz bei Gesunden ist die Antwort klarer und negativ: Die große
GEM-Studie mit über 3.000 älteren Teilnehmern über sechs Jahre fand keinen Unterschied zu
Placebo. Bei gesunden jungen Erwachsenen findet sich ebenfalls nichts.
Ginkgo Nebenwirkungen — der Punkt, den man vor Operationen kennen muss
Ginkgolide hemmen die Blutplättchenverklumpung. In Verbindung mit ASS, Clopidogrel oder
Gerinnungshemmern erhöht das die Blutungsneigung, und es gibt dokumentierte Fälle schwerer
Blutungen. Vor planbaren Eingriffen ist Ginkgo daher rechtzeitig abzusetzen und beim
Aufklärungsgespräch anzugeben — auch dann, wenn es „nur“ ein Nahrungsergänzungsmittel war.
Ginkgolsäuren — das unsichtbare Qualitätsmerkmal
Die Blätter enthalten Ginkgolsäuren, die Allergien auslösen und in Zellversuchen das Erbgut
schädigen. Arzneibuchqualität verlangt eine Begrenzung auf unter 5 ppm, was aufwändige
Reinigungsschritte erfordert.
Bei Nahrungsergänzungsmitteln gibt es diese Vorgabe nicht zwingend. Wer trotzdem zu einem
solchen Produkt greift, sollte einen Anbieter wählen, der den Ginkgolsäuregehalt ausdrücklich
ausweist — und Blätter-Tee aus dem eigenen Garten ganz meiden.