Taurin — der am häufigsten missverstandene Inhaltsstoff
Kaum ein Stoff trägt so viele Legenden mit sich wie Taurin. Es stamme aus Stierhoden oder
Rindergalle, es sei der eigentliche Aufputscher in Energydrinks, es belaste das Herz. Nichts
davon trifft zu.
Taurin wird industriell synthetisiert. Es wirkt nicht anregend, sondern eher dämpfend auf das
Nervensystem. Und die EFSA hat es bis 6 g am Tag als unbedenklich bewertet — die
gesundheitlichen Bedenken gegen Energydrinks richten sich gegen Koffein und Zucker.
Taurin Wirkung — was es im Körper tut
Streng genommen ist Taurin keine Aminosäure im klassischen Sinn, weil es keine Carboxylgruppe
trägt und nicht in Eiweiße eingebaut wird. Es liegt frei in den Zellen vor, in hoher
Konzentration in Herzmuskel, Netzhaut, Gehirn und weißen Blutkörperchen.
Dort stabilisiert es Zellmembranen, reguliert den Calciumhaushalt der Zelle, wirkt als
Osmolyt beim Wasserhaushalt und bildet mit Gallensäuren die Taurocholsäure für die
Fettverdauung.
Warum Taurin trotzdem nichts verspricht
Für Herzschwäche und für den Blutdruck liegen kleine Studien mit günstigen Ergebnissen vor,
ebenso einzelne Arbeiten zur sportlichen Ausdauer. Die Studien sind zu klein und zu heterogen,
um daraus eine Empfehlung abzuleiten, und die EFSA hat keinen dieser Zusammenhänge anerkannt.
Ein Sonderfall ist die Alternsforschung: 2023 erschien eine vielbeachtete Arbeit, in der
Taurin die Lebensspanne von Mäusen und Affen beeinflusste. Für den Menschen liegen daraus keine
Schlüsse vor, und Beobachtungsstudien am Menschen sind widersprüchlich.
Taurin einnehmen — für wen die Frage überhaupt relevant ist
Taurin kommt fast ausschließlich in tierischen Lebensmitteln vor, Meeresfrüchte und dunkles
Geflügelfleisch liegen vorn. Bei rein pflanzlicher Ernährung sind die Blutwerte messbar
niedriger — ohne dass daraus bislang ein gesundheitlicher Nachteil abgeleitet werden könnte, weil
der Körper Taurin aus Cystein selbst bildet.
Wer trotzdem ergänzen will, tut das mit einem preiswerten und gut verträglichen Stoff. Nur
sollte niemand mehr davon erwarten, als die Datenlage hergibt.