L-Tryptophan — der Zwischenfall, der die Branche verändert hat
1989 erkrankten in den USA über tausendfünfhundert Menschen an einem bis dahin unbekannten
Krankheitsbild: starke Muskelschmerzen, massiv erhöhte eosinophile Blutzellen, Hautverhärtungen,
in schweren Fällen Lungen- und Nervenbeteiligung. Siebenunddreißig Menschen starben. Das
Eosinophilie-Myalgie-Syndrom ließ sich auf Tryptophanpräparate eines einzigen japanischen
Herstellers zurückführen, in dessen verändertem Fermentationsverfahren Verunreinigungen
entstanden waren.
Tryptophan verschwand daraufhin für Jahre vom Markt. Der Fall gilt bis heute als das
Standardbeispiel dafür, dass bei Nahrungsergänzungsmitteln nicht nur der Wirkstoff zählt, sondern
die Herstellungsqualität — und dass ein Reinheitsproblem in einer einzigen Charge Hunderte
treffen kann.
Der Fall bleibt das beste Argument
dafür, bei Aminosäurepräparaten auf Herkunft und Prüfung zu achten.
L-Tryptophan Wirkung — der schmale Weg ins Gehirn
Tryptophan ist die Vorstufe von Serotonin und darüber von Melatonin. Der Weg dorthin ist
allerdings verwinkelt: Über neunzig Prozent des Tryptophans werden über den Kynureninweg
abgebaut, und das verbleibende muss sich den Transporter durch die Blut-Hirn-Schranke mit fünf
anderen großen Aminosäuren teilen.
Deshalb funktioniert die populäre Vorstellung nicht, ein Stück Käse oder Schokolade hebe über
Tryptophan die Stimmung: Beide liefern zwar Tryptophan, aber noch mehr von den konkurrierenden
Aminosäuren. Wer den Effekt sucht, isst eher eine kohlenhydratreiche Kleinigkeit — dann räumt
Insulin die Konkurrenz aus dem Weg.
5-HTP umgeht diesen Engpass, weil es bereits einen Schritt weiter ist und den Kynureninweg nicht
mehr nimmt.
Was die Studien zu L-Tryptophan zeigen
Für Tryptophan bei Einschlafstörungen gibt es ältere Arbeiten, die eine verkürzte Einschlafzeit
bei 1 g fanden. Für 5-HTP liegen kleine Studien zu Stimmung und Kopfschmerzhäufigkeit vor, meist
methodisch schwach. Die EFSA hat die vorgelegten Belege als nicht ausreichend bewertet.
Die praktisch wichtigere Information steht in den Wechselwirkungen: Wer bereits ein
serotonerges Medikament einnimmt, darf beides nicht ohne ärztliche Abstimmung kombinieren. Das
Serotoninsyndrom ist selten, aber ernst.
Für das zugelassene Arzneimittel mit 1 g L-Tryptophan je Tag nennt die Fachinformation
Ardeytropin 500 mg (Stand Juli 2015) Schwindel, Kopfschmerz, Lichtempfindlichkeit und Sedierung;
bei Bluthochdruck kann der Blutdruck sinken. Gegenanzeigen sind schwere Leber- und
Nierenleiden, für Kinder ist es nicht vorgesehen.
Mit MAO-Hemmern und SSRI kann ein Serotoninsyndrom entstehen — Verwirrtheit, Fieber, Zittern,
Durchfall. Hier nennt die Fachinformation eine Gegenanzeige. Bei Benzodiazepinen ist Vorsicht
geboten, die Wirkung von Levodopa kann abgeschwächt werden.
Die norwegische Risikobewertung des VKM von 2013 nennt Übelkeit und verminderten Appetit. 4,2 g
am Tag wurden mit einer Eosinophilie in Verbindung gebracht. Einen tolerierbaren Höchstwert gibt
sie nicht an, sie nennt einen Richtwert von 220 mg am Tag.
Das Eosinophilie-Myalgie-Syndrom von 1989 ist keine Nebenwirkung des Stoffes selbst, sondern
nach heutigem Stand wohl auf eine Verunreinigung nach einem geänderten Herstellungsverfahren
zurückzuführen. Die US-Gesundheitsbehörde CDC zählte bis zum 24. August 1990 1.536 Fälle und
27 Todesfälle.
L-Tryptophan kaufen — die rechtliche Doppelrolle
Ein L-Tryptophan-Arzneimittel mit 1 g je Tag ist zugelassen — mit Beipackzettel und
Apothekenpflicht. Darunter wird es als Nahrungsergänzung verkauft, ohne dass etwas versprochen
werden dürfte.
Wer ernsthafte Schlafprobleme hat, fährt mit dem zugelassenen Arzneimittel und einer ärztlichen
Einordnung besser. Chronische Schlaflosigkeit hat oft Ursachen, die keine Kapsel behebt.