Bitterstoffe und was sie auslösen
Die Wirkung der Artischocke beruht auf Bitterstoffen, allen voran den Caffeoylchinasäuren, zu
denen das oft genannte Cynarin gehört. Sie regen die Gallenblase an, Galle abzugeben — und Galle
ist das, was Fett im Darm emulgiert.
Wer nach fettreichem Essen Völlegefühl und Druck im Oberbauch verspürt, hat oft genau hier den
Engpass. Das ist das anerkannte Anwendungsgebiet der Arzneimittel: dyspeptische Beschwerden.
Aus demselben Mechanismus folgt die wichtigste Gegenanzeige. Wer Gallensteine hat, sollte den
Gallefluss nicht anregen — ein wandernder Stein verursacht eine Kolik. Diese Einschränkung gilt
für alle gallentreibenden Pflanzen und wird bei Nahrungsergänzungsmitteln oft nicht erwähnt.
Der Bittergeschmack ist kein Nebeneffekt
Ein Teil der Wirkung von Bitterstoffen läuft über Rezeptoren auf der Zunge, die reflektorisch die
Verdauungssekrete anregen. Eine geschmacksneutrale Kapsel umgeht diesen Weg vollständig.
Wer Bitterstoffe nutzen will, fährt mit einem Tropfen-Präparat oder mit bitteren Lebensmitteln
— Chicorée, Radicchio, Rucola, Löwenzahn — womöglich besser als mit einer Kapsel. Die moderne
Küche hat Bitterkeit weitgehend weggezüchtet; das ist einer der Gründe, warum Bitterpräparate
überhaupt einen Markt haben.
Zur Artischocke auf dem Teller
Das essbare Herz ist keine Arzneidroge — die Bitterstoffe sitzen in den Blättern der Pflanze,
nicht im Blütenboden. Dafür liefert es reichlich Inulin, den präbiotischen Ballaststoff. Eine gute
Beilage, aber keine Behandlung.