Der seltene Fall, in dem Kochen die Nährstoffe verbessert
Bei den meisten Vitaminen gilt: je schonender, desto besser. Bei Lycopin ist es umgekehrt. Es
steckt fest in den Chromoplasten der Tomatenzelle, und erst Hitze und mechanisches Zerkleinern
lösen es heraus.
Tomatenmark liefert deshalb ein Vielfaches der verfügbaren Menge einer frischen Tomate. Kommt
Fett dazu — Olivenöl in der Soße —, steigt die Aufnahme noch einmal deutlich. Die klassische
italienische Zubereitung ist ernährungsphysiologisch der Idealfall, ohne dass jemand das je so
geplant hätte.
Warum die Claims abgelehnt wurden
Beobachtungsstudien zeigen seit Jahrzehnten: Wer viele Tomatenprodukte isst, hat ein etwas
niedrigeres Risiko für Prostatakrebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Das ist gut dokumentiert und
der Grund für das anhaltende Interesse.
Interventionsstudien mit isoliertem Lycopin konnten das nicht bestätigen. Die EFSA hat sämtliche
Anträge — Hautschutz, Zellschutz, Herzfunktion, Prostata — abgelehnt.
Es ist dasselbe Muster wie bei Beta-Carotin: Das Lebensmittel geht mit niedrigem Risiko einher,
der isolierte Inhaltsstoff liefert die Wirkung nicht nach. Ob ein anderer Bestandteil der Tomate
verantwortlich ist, das Zusammenspiel mehrerer, oder schlicht die Lebensweise derer, die viel
Gemüse essen, ist offen.
Der Sonnenschutz-Mythos
Lycopin wird gern als Sonnenschutz von innen beworben. Studien fanden tatsächlich eine leicht
erhöhte Schwelle für UV-bedingte Hautrötung nach zehn bis zwölf Wochen — in einer Größenordnung,
die etwa einem Lichtschutzfaktor von 1,3 entspricht.
Das ist messbar und praktisch bedeutungslos. Wer sich darauf verlässt, geht schlechter geschützt
in die Sonne. Beworben werden darf es ohnehin nicht.
Für die Praxis
Ein Löffel Tomatenmark in der Soße, gelegentlich Wassermelone im Sommer, Paprika und rosa
Grapefruit — damit ist die Zufuhr abgedeckt, in der Form, auf die sich die günstigen
Beobachtungsdaten beziehen.
Ein Präparat ergänzt einen Einzelstoff, dessen isolierte Wirkung geprüft und nicht bestätigt
wurde.