Ein Claim mit eingebautem Warnschild
Betain ist der einzige Stoff der Unionsliste, dessen zugelassene Angabe eine Pflichtwarnung nach
sich zieht. Wer damit wirbt, muss auf dem Etikett vermerken, dass mehr als 4 g am Tag den
Cholesterinspiegel deutlich erhöhen können. Der Nutzen wird also mit dem Risiko im selben
Rechtsakt ausgeliefert.
Der Hintergrund: Betain senkt Homocystein zuverlässig, in höheren Dosen aber verschiebt es
zugleich die Blutfette in die ungünstige Richtung. Ein Herz-Kreislauf-Nutzen ist damit alles
andere als ausgemacht — was eine Erinnerung daran ist, dass ein einzelner verbesserter Laborwert
noch kein besseres Ergebnis für den Menschen bedeutet.
Wie Betain wirkt
Homocystein entsteht beim Abbau der Aminosäure Methionin. Der Körper hat zwei Wege, es wieder
loszuwerden. Der bekannte läuft über Folat und Vitamin B12. Der zweite läuft über Betain, das
eine Methylgruppe abgibt und Homocystein zurück zu Methionin verwandelt. Dieser Weg arbeitet
vor allem in Leber und Niere und springt ein, wenn der Folatweg nicht ausreicht.
Deshalb ist die Reihenfolge in der Praxis klar: Erst Folat und B12 prüfen, dann über Betain
nachdenken.
Was aus dem Sportbereich zu halten ist
Betain wird überwiegend an Kraftsportler verkauft, mit Versprechen zu Kraftzuwachs und
Körperzusammensetzung. Die Studien dazu sind klein, kurz und uneinheitlich; einige finden
geringe Verbesserungen bei Wiederholungszahlen, andere nichts. Rechtlich ist keine dieser
Aussagen zulässig.
Betain ist nicht gleich Betain-HCl
Die Verwechslung ist häufig und im Regal leicht zu machen. Betain-Anhydrat ist der Stoff mit
dem Homocystein-Claim. Betain-Hydrochlorid wird dagegen als Verdauungshilfe für Menschen mit
vermuteter Magensäureschwäche angeboten. Dafür fehlt jede zugelassene Angabe, und bei
Magenschleimhautentzündung oder unter Säureblockern ist davon abzuraten.