Zwischen Pflanzennährstoff und Menschenfrage
Für Pflanzen ist Bor unstrittig essenziell — ohne Bor bricht der Zellwandaufbau zusammen. Beim
Menschen ist die Lage offen. Es gibt keinen bekannten Mangelzustand, kein Enzym, das Bor
zwingend braucht, und keinen Referenzwert. Zugleich zeigen Fütterungsstudien reproduzierbare
Effekte auf den Mineralstoffhaushalt.
Diese Zwischenstellung erklärt, warum Bor in Fachkreisen als „wahrscheinlich nützlich, nicht
nachweislich notwendig“ geführt wird — und warum keine einzige Angabe zugelassen ist.
Der am besten belegte Effekt
Bei borarmer Kost steigt die Ausscheidung von Calcium und Magnesium über den Urin. Wird Bor
wieder zugeführt, sinkt sie. Dieser Befund stammt aus kontrollierten Stoffwechselstudien und
gilt als gesichert.
Daraus ist die Idee entstanden, Bor könne die Knochendichte stützen — plausibel, aber nie in
einer ausreichend großen und langen Studie geprüft. Für Gelenkbeschwerden liegen kleine Arbeiten
mit Calciumfructoborat vor, die eine Verringerung der Beschwerden fanden; ihre methodische
Qualität ist begrenzt.
Die Testosteron-Geschichte
Im Sportbereich wird Bor als Testosteronbooster verkauft. Grundlage ist eine kleine Studie mit
wenigen Teilnehmern, in der nach einer Woche mit 10 mg am Tag das freie Testosteron anstieg und
Entzündungsmarker sanken. Die Arbeit ist nie in größerem Maßstab bestätigt worden.
Bemerkenswert ist die Dosierung: Sie liegt genau auf der Obergrenze, die die EFSA aus
Reproduktionstoxizität abgeleitet hat. Wer diesem Werbeversprechen folgt, schöpft die
Sicherheitsgrenze vollständig aus, ohne einen belegten Nutzen zu erhalten.
Warum die Obergrenze so begründet ist, wie sie ist
Der Tolerable Upper Intake Level von 10 mg stammt nicht aus Beobachtungen am Menschen, sondern
aus Tierversuchen: Hohe Bordosen schädigten in Ratten- und Hundestudien die Hoden und störten
die Embryonalentwicklung. Zwischen diesen Versuchsmengen und der menschlichen Aufnahme liegt ein
großer Abstand — bei Präparaten mit hoher Dosierung schrumpft er.
Für die übliche Ernährung ist das ohne Belang. Wer Obst, Nüsse und Hülsenfrüchte isst, kommt auf
ein bis zwei Milligramm und liegt damit im Bereich, aus dem die günstigen
Stoffwechselbeobachtungen stammen.