Guaranin ist Koffein
Der Stoff, den man in Guaraná fand, wurde zunächst Guaranin genannt. Später stellte sich heraus,
dass er mit dem Koffein des Kaffees identisch ist — dasselbe Molekül, anderer Name.
Dasselbe gilt für Tein im Tee und Mateïn im Mate. Es sind historische Bezeichnungen aus einer
Zeit, in der man die Stoffe noch nicht vergleichen konnte.
Wenn ein Produkt heute mit natürlichem Guaranin statt Koffein wirbt, ist das kein
Wirkungsunterschied, sondern eine Wortwahl.
Der Mythos der langsamen Freisetzung
Das wichtigste Verkaufsargument lautet, Guaraná-Koffein werde langsamer aufgenommen und wirke
deshalb über Stunden gleichmäßig, ohne den Absturz nach dem Kaffee.
Als Erklärung dienen die Gerbstoffe der Samen, die das Koffein binden sollen. Für das gemahlene
ganze Korn ist eine leicht verzögerte Aufnahme plausibel und in einzelnen Untersuchungen
angedeutet.
Für standardisierte Extrakte, wie sie in den meisten Präparaten stecken, gilt das nicht — dort
liegt das Koffein weitgehend frei vor. Und in Energydrinks stammt der überwiegende Teil des
Koffeins ohnehin aus zugesetztem Reinkoffein; das Guaraná steht auf dem Etikett, nicht in der
Wirkung.
Die Kennzeichnungslücke
Bei Getränken schreibt das EU-Recht ab 150 Milligramm Koffein je Liter einen Warnhinweis samt
Mengenangabe vor. Deshalb steht auf jeder Energydrinkdose, wie viel Koffein drin ist.
Bei Nahrungsergänzungsmitteln greift diese Pflicht nicht in gleicher Weise. Eine Kapsel mit
Guaraná-Extrakt kann hundert Milligramm Koffein enthalten, ohne dass die Zahl irgendwo steht —
angegeben ist dann nur die Menge Extrakt.
Wer mehrere Präparate kombiniert — ein Abnehmmittel, ein Sportgetränk, dazu Kaffee —, kann so
unbemerkt bei fünfhundert Milligramm landen. Das ist die praktisch wichtigste Information zu
diesem Stoff.
Was untersucht ist
Studien zu Guaraná betreffen Wachheit, Reaktionszeit und Müdigkeit, teils in Kombination mit
Ginseng oder Vitaminen. Wo Effekte auftraten, waren sie durch den Koffeingehalt erklärbar.
Ob die Begleitstoffe der Samen etwas beitragen, ist offen. Für die Werbeversprechen zur
Fettverbrennung gibt es keine tragfähige Grundlage.
Die Einordnung
Guaraná ist eine Koffeinquelle mit brasilianischer Geschichte und angenehmem Ruf. Als solche ist
sie in Ordnung.
Wer sie kauft, sollte wissen, dass er Koffein kauft — und im Zweifel beim Hersteller nachfragen,
wie viel davon in einer Portion steckt.