Ein Süßwarenregal mit Pflichtwarnung
Auf Lakritzpackungen steht ein Satz, den kaum jemand liest: „Enthält Süßholz — Personen mit
Bluthochdruck sollten einen übermäßigen Verzehr vermeiden.“ Er ist ab 4 g Glycyrrhizin je
Kilogramm gesetzlich vorgeschrieben.
Der Grund ist ein gut verstandener Mechanismus. Glycyrrhizin hemmt das Enzym 11β-Hydroxysteroid-
Dehydrogenase Typ 2 in der Niere. Dieses Enzym baut Cortisol dort ab, wo es den
Mineralocorticoidrezeptor sonst besetzen würde. Fällt es aus, wirkt Cortisol wie Aldosteron: Der
Körper hält Natrium und Wasser zurück und scheidet Kalium aus.
Die Folge heißt Pseudohyperaldosteronismus — Bluthochdruck, Wassereinlagerungen, niedriger
Kaliumspiegel, in schweren Fällen Muskelschwäche und Herzrhythmusstörungen. Beschrieben sind
Fälle nach wochenlangem, hohem Lakritzkonsum, vereinzelt mit Krankenhausaufenthalt.
Die Mengen sind erstaunlich niedrig
Der wissenschaftliche Ausschuss nennt 100 mg Glycyrrhizin am Tag als Obergrenze. Bei Starklakritz
ist das mit rund 50 g erreicht, bei einer Tasse starkem Süßholztee ebenfalls.
Wer Lakritz mag und regelmäßig davon isst, bewegt sich also schnell im kritischen Bereich —
zumal Süßholz auch in vielen Kräutertees als Süßungskomponente steckt, ohne dass eine Menge
angegeben wäre.
Was die Pflanze kann
Süßholz ist keine bloße Gefahrenquelle. Als traditionelles Arzneimittel ist die Anwendung bei
leichten Magenbeschwerden und als Schleimlöser anerkannt. Für die Magenschleimhaut gibt es
ältere Untersuchungen mit einer schützenden Wirkung.
Genau dafür wurde deglycyrrhiziniertes Süßholz entwickelt: Der problematische Bestandteil ist
entfernt, die schleimhautwirksamen Flavonoide bleiben. Wer Süßholz über längere Zeit anwenden
möchte, hat damit die deutlich vernünftigere Option.
Der Punkt für die Schwangerschaft
Finnische Untersuchungen haben bei hohem Lakritzkonsum in der Schwangerschaft Zusammenhänge mit
kürzerer Schwangerschaftsdauer und mit Auffälligkeiten in der kindlichen Entwicklung gefunden.
Die Erklärung liegt nahe: Glycyrrhizin lässt mehr mütterliches Cortisol zum Kind gelangen.
Die Empfehlung ist deshalb eindeutig — in der Schwangerschaft gehört Lakritz zu den Dingen, die
man besser stehen lässt.