Ein Wirkstoff, der in der Pflanze gar nicht vorkommt
Brokkoli enthält kein Sulforaphan. Er enthält Glucoraphanin — und in getrennten Zellkompartimenten
das Enzym Myrosinase. Erst wenn die Pflanze verletzt wird, beim Zerkauen oder Schneiden, treffen
beide aufeinander und Sulforaphan entsteht.
Es ist derselbe Mechanismus wie beim Knoblauch: Der Wirkstoff ist ein Verteidigungsstoff, der erst
im Schadensfall gebildet wird. Und wie beim Knoblauch ist das Enzym hitzeempfindlich.
Wer Brokkoli durchkocht, zerstört die Myrosinase. Das Glucoraphanin bleibt zwar erhalten, kommt
aber unverändert im Dickdarm an, wo einige Bakterien es umsetzen können — mit stark schwankender
Ausbeute je nach Darmflora.
Zwei Küchentricks
Erstens: Brokkoli nur kurz dämpfen, nicht kochen. Zweitens, wenn er doch durchgegart ist: eine
Prise Senfpulver, geriebenen Rettich oder Rucola dazugeben. Diese Pflanzen bringen ihre eigene
Myrosinase mit und erledigen die Umwandlung nachträglich.
Der dritte Weg sind Sprossen. Drei Tage alte Brokkolikeimlinge enthalten ein Vielfaches an
Glucoraphanin und lassen sich auf der Fensterbank ziehen — mit Abstand die günstigste Quelle.
Was untersucht ist
Sulforaphan aktiviert den Nrf2-Signalweg, über den die Zelle ihre eigenen Schutz- und
Entgiftungsenzyme hochfährt. Das ist ein anderer Ansatz als die direkte Radikalbindung, wie sie
Vitamin C oder E leisten — die Zelle wird ertüchtigt, statt dass ein Molekül abgefangen wird.
Am Menschen gibt es Studien zur Ausscheidung von Luftschadstoffen, zur Helicobacter-Besiedlung
des Magens und eine vielbeachtete kleine Untersuchung zu Autismus-Symptomen. Alle sind klein, und
keine trägt eine Empfehlung.
Die epidemiologische Grundlage ist dagegen solide: Wer viel Kohlgemüse isst, hat in
Beobachtungsstudien ein niedrigeres Risiko für mehrere Krebsarten. Ob das an Sulforaphan liegt
oder am ganzen Gemüse, ist die offene Frage — wie so oft in diesem Feld.
Für die Praxis
Der einfachste Weg zu Sulforaphan führt nicht über eine Kapsel, sondern über kurz gegarten
Brokkoli mehrmals die Woche und gelegentlich ein paar Sprossen. Wer doch zum Präparat greift,
sollte auf eine ausgewiesene Myrosinaseaktivität achten — ohne sie ist es reines Glucoraphanin und
damit ein Lotteriespiel mit der eigenen Darmflora.