Der Absinth-Mythos, aufgelöst
Um 1900 galt Absinth als Ursache von Halluzinationen, Wahnsinn und Verbrechen. Die „grüne Fee”
wurde in mehreren Ländern verboten, und schuld war angeblich das Thujon aus dem Wermut.
Spätere Analysen historischer Absinthflaschen und Rekonstruktionen nach alten Rezepten haben ein
anderes Bild ergeben: Der Thujongehalt lag deutlich niedriger als angenommen — meist unter den
heutigen EU-Grenzwerten. Was die Trinker krank machte, war der Alkohol; Absinth wurde mit 70
Volumenprozent und mehr getrunken.
Dazu kamen billige Nachahmungen mit giftigen Farbstoffen wie Kupfersulfat. Die
„Absinth-Epilepsie” des 19. Jahrhunderts war in weiten Teilen schlicht Alkoholismus mit
Verunreinigungen.
Was bleibt: eine ernstzunehmende Bitterdroge
Wermut ist neben Enzian die klassische europäische Bitterpflanze. Absinthin, sein Hauptbitterstoff,
ist noch in extremer Verdünnung schmeckbar und regt über die Bitterrezeptoren Speichel-, Magensaft-
und Gallefluss an.
Der HMPC führt die Anwendung bei Appetitlosigkeit und leichten Verdauungsbeschwerden als
traditionell anerkannt — mit der Begrenzung auf zwei bis vier Wochen.
Warum die Begrenzung trotzdem gilt
Auch wenn das Absinth-Bild überzeichnet war: Thujon ist in hoher Dosis ein Nervengift, das die
Krampfschwelle senkt. Es ist derselbe Stoff, der auch im Salbei die Anwendungsdauer begrenzt.
Aus einem Teeaufguss geht wenig Thujon über, weil es schlecht wasserlöslich ist. Bei Tinkturen und
ätherischem Öl sieht es anders aus — dort liegt die eigentliche Vorsicht.
Für die Küche ist das ohne Belang: Wermut als Würzkraut oder ein Glas Vermouth bewegen sich weit
unter jeder kritischen Menge.
Der Wein, der den Namen trägt
Vermouth heißt so, weil er mit Wermut aromatisiert wird — das Wort ist die romanische Form von
Wermut. Als Aperitif getrunken, folgt er derselben Idee wie die Bittertropfen: Bitterstoffe vor
dem Essen regen den Appetit an.
Der Unterschied liegt im Alkohol. Ein Aperitif ist ein Genussmittel, kein Verdauungsmittel — und
das gilt auch für den Verdauungsschnaps danach.